Kapitel 9 – 奥村館に御帰り (Okumura-tachi ni Okaeri) – Rückkehr nach Okumura-tachi

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24. Oktober 1919

Die Almina bringt uns schnell und sicher unter dem souveränen Kommando unseres Kapitäns nach Japan. Wir laufen heute gegen Mittag im Hafen von Tōkyō ein. Ich habe Okumura-tachi, meinen Wohnsitz in Shibuya als Operationsbasis für die kommende Expedition zur Verfügung gestellt.

Schon bei der Einreise kommt es zu Turbulenzen. Zunächst versucht Lorudo-san mit von Maikurofuto gefälschten Papieren als lizensierter Wurfmesserhändler einzureisen. Das macht die Zollbeamten stutzig, denn in ihren Listen ist kein derartiger Händler verzeichnet. Ich erkenne die Situation und erkläre den Beamten, die zum Glück die englische Sprache nur bruchstückhaft beherrschen, dass in England zwischen shuriken (Wurfmesser) und deba (Küchenmesser) in der Begrifflichkeit kaum unterschieden wird. Eigentlich sei der Herr „Novranrac“ Vertreter für Küchenmesser. Nach genauerer Begutachtung der vermeintlichen Ware stimmen mir die Beamten zu. Dass es sich bei diesen Messern explizit um Waffen handelte, sei höchst unwahrscheinlich. Somit kann Lorudo-san ungehindert einreisen.

Mari-chan hat weniger Glück. Sie versucht ihr Untersuchungsköfferchen mit diversen chemischem Substanzen ins Land zu bringen. Sie deklariert den Inhalt des Koffers und legt eine Bescheinigung von einem vermeintlichen ortsansässigen Apotheker und Einfuhrgenehmigung – beide ebenfalls gefälscht – vor. Die gewissenhaften Beamten prüfen auch diese nach ihren Listen und stellen fest, dass für eine Ms. Humboldt nach ihren Papieren keine Einfuhrgenehmigung für medizinische und chemische Substanzen vorliegt. Man versucht den genannten Apotheker ausfindig zu machen, der Mari-chans Aussage bestätigen soll – es kann ja durchaus sein, dass die Liste nicht ganz aktuell sei – doch dieser existiert nicht, wie sich schnell heraus stellt.

Nun wird es böse für Mari-chan. Unter dem begründeten Verdacht der Urkundenfälschung wird sie verhaftet. Des weiteren soll wegen des Verdachts auf Drogenschmuggel gegen sie ermittelt werden. Die Substanzen werden zur näheren Untersuchung als Beweismittel beschlagnahmt und Mari-chan wird abgeführt. Mit hilflosem, flehendem Blick sieht sie mich an. „Wir kriegen das schon hin“, versichere ich ihr und notiere mir im Geiste unseren Familienanwalt Ibuka-san zu konsultieren. Den Zollbeamten gegenüber gebe ich meine Adresse in Shibuya als Ladungsadresse für Mari-chan an.

Wir nehmen für die Fahrt nach Shibuya die Yamonote Linie. Am Shibuya Eki gelingt es mir für unsere Fahrt zu meinem Haus ein motorisiertes Transportmittel aufzutreiben. Wir können uns mit einem Mitsubishi Model A chauffieren lassen.

Dort angekommen werden wir bereits von meinem „Mitbewohner“ erwartet. Tetsuya-kun arbeitet als wissenschaftlicher Assistent in Yukios Institut und schreibt gerade an seiner Doktorarbeit. Yukio hatte schon große Stücke auf ihn gehalten, als Tetsuya noch als Student bei ihm lernte. Finanzielle Schwierigkeiten hatten ihn dann aber beinahe darum gebracht, seinen Universitätsabschluss machen zu können. Daher hatte Yukio mir vor sechs Jahren vorgeschlagen, Tetsuya ein Zimmer in meinem Haus zur Verfügung zu stellen und im Gegenzug dafür, dass er sich darum kümmerte, alles ordentlich und sauber zu halten, keine Miete zu verlangen. Da ich zu jener Zeit ohnehin mehr auf See als an Land unterwegs war, hatte ich gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden.

„Okaerinasai, Haruka-san, willkommen zurück“, begrüßt mich Tetsuya-kun. Ich stelle meine Gäste vor. „Tetsuya Hirata, es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen“, antwortet er in angemessener Höflichkeit und sauberem Englisch.

Ich bitte Tetsuya, meinen Gästen ihre Unterkünfte zu zeigen und sich um ihr leibliches Wohl zu kümmern. Ich muss ein dringendes Telefonat tätigen.

Ibuka-sans Sekretärin begrüßt mich erfreut, als ich dort anrufe. Ich erkläre ihr, dass eine Freundin von mir in Schwierigkeiten geraten sei und ich die Hilfe des Bengoshi benötige. Ich hätte Glück, sagt sie, Ibuka-san hätte heute noch einen Termin frei. Ob ich es bis 14:30 schaffen könne, fragt sie. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 13:28 Uhr. Der Zug in Richtung Tōkyōter Innenstadt fährt in fünf Minuten – so schnell schaffe ich es nicht zum Bahnhof – und der nächste fährt erst in einer Stunde. Allerdings habe ich hier noch mein Veloziped, damit könnte ich in einer knappen dreiviertel Stunde Ibuka-sans Büro erreichen.

Ich bin noch recht gut im Training, bemerke ich, als ich zwar ziemlich abgehetzt, aber zwanzig Minuten zu früh, am Ziel ankomme. Ich habe seit dem Frühstück noch nichts ordentliches zu mir genommen. Ein Nudelsuppenkoch hat seinen fahrbaren Stand in der Nähe geparkt. Das Wasser läuft mir im Munde zusammen, als mir der Duft in die Nase steigt, also nutze ich die Gelegenheit, um mich zu stärken.

Pünktlich zum vereinbarten Termin treffe ich Ibuka-san und erläutere ihm die Situation. Er schüttelt etwas fassungslos den Kopf, als ich meinen Bericht beende. Ob ich wisse, was das für Substanzen seien, um die es hier geht, fragt er. Ich verneine, kann auch nicht mit Sicherheit sagen, ob illegale Stoffe darunter sind oder nicht. Ibuka-san meint, dass es grundsätzlich keine schlechte Idee sein könne, das Britische Konsulat zu kontaktieren, er selbst würde sich auf den Weg machen, um bezüglich der Aussetzung der Haftstrafe bis zu einem Urteil auf Kaution zu verhandeln. Ich begleite ihn.

Auf dem Zollamt erfahren wir, dass Mari-chan schon einmal wegen der Einfuhr von deklarierungspflichtigen Substanzen auffällig geworden war. Das war vor einem knappen halben Jahr gewesen. Eine Freilassung auf Kaution ist möglich, allerdings beläuft sich diese auf einestattliche Summe von ¥ 3.000. Ich muss schlucken, als ich das höre, überlege kurz, ob Mari-chan mir das wirklich wert sein sollte, erinnere mich dann aber, dass ich ihr etwas schulde, das mit Geld nicht aufzuwiegen ist. So zücke ich mein Checkbuch, um für sie in Vorkasse zu gehen. Wann über den Fall entschieden würde, will Ibuka-san noch von dem Beamten wissen. Da müssten wir auf dem zuständigen Polizeirevier nachfragen. Das ist nun unser nächstes Ziel. Der Beamte stellt uns eine Bescheinigung über die vereinbarte Kaution aus, auf welcher ich als Bürge für Mari-chan eingetragen werde. Damit machen wir uns auf den Weg zum Polizeirevier. Mittlerweile ist es schon fast sechs Uhr abends.

Auf dem Polizeirevier werde ich dann auch „endlich“ meinen Check los. Mari-chan empört sich lautstark darüber, dass ich sie so lange habe warten lassen. Vielleicht hätte ich sie doch bis morgen früh schmoren lassen sollen.

Wir organisieren uns eine Kutsche und lassen uns auf Mari-chans Kosten zunächst zu Ibuka-sans Büro, wo ich mein Fahrrad einlade, und dann weiter nach Shibuya chauffieren. Ibuka-san erklärt Mari-chan auf dem Weg, dass sie das Land bis zum Abschluss der Ermittlungen in etwa zwei Wochen nicht verlassen darf. Der Fall der Urkundenfälschung wird wahrscheinlich mit einer Geldstrafe abgegolten werden können, falls sich aber im Vorwurf des Drogenschmuggels erhärten sollte, , könnte das zu einer mindestens einjährigen Haftstrafe führen. Ibuka-san lässt sich von Mari-chan eine Liste der Substanzen geben, die in dem Koffer waren.  Wenn Mari-chans Angaben stimmen, wird sie wohl mit einem blauen Auge davon kommen.

Schließlich gegen 20:00 erreichen wir Okumura-tachi. Meine Freunde sind in ausgelassener Stimmung und unterhalten sich angeregt mit Tetsuya. Ich hoffe, er plaudert nicht zu viel aus dem Nähkästchen. Ich bedanke mich bei Ibuka-san und verabschiede ihn höflich.

Mari-chan schildert bildreich ihren Kurzaufenthalt in einem japanischen Gefängnis. Maikurofuto reicht mir schweigend ein Glas Gin, das ich in einem Zug leere. Mari-chan ist schon eine Klasse für sich. Sie ist süß, ohne Zweifel, aber auch mit einem Talent gesegnet, das sie in jedes Fettnäpfchen treten lässt, das sich auf ihrem Weg befindet. Ich werde einfach nicht schlau aus dieser Frau…

 

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