Kapitel 7 – 緑月(Midoritsuki) – Grüner Mond

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23. Mai 1919

Seit dem Intermezzo mit den Piraten sind inzwischen vier Tage vergangen. Wir kreuzen durch den Indischen Ozean, als sich um die Mittagszeit urplötzlich eine graue Wand vor uns auftut. Wir halten direkt Kurs auf eine bedrohliche Sturmfront. Das Schiff wird in Windeseile sturmfest gemacht. Ich unterstütze den Senchō und die Crew der Almina dabei nach besten Kräften, bevor ich mich in meine Kabine begebe um mein Gepäck und mich selbst zu sichern. Dann geht es auch schon los. Die Almina wird heftig auf den Wellen hin und her gepeitscht. Einige Minuten tobt der Sturm um uns herum – dann ist es plötzlich still.

Ich löse den Gürtel, mit dem ich mich am Bettpfosten gesichert hatte und gehe an Deck, um mir ein Bild von der Lage zu machen. Wir scheinen uns im Auge des Sturms zu befinden. Die See ist absolut ruhig, in einiger Entfernung umgibt uns die graue Wand des Taifuns, den wir gerade durchquert haben und es ist Nacht. Es ist Nacht? Habe ich mir bei der heftigen Fahrt vielleicht den Kopf angeschlagen und mir dabei eine Gedächtnislücke zugezogen? Ich blicke nach oben, um anhand der Sternbilder unsere etwaige Position zu erschließen und bin mir nun absolut sicher, dass mir etwas auf den Kopf gefallen sein muss. Die Sternbilder, die ich sehe, sind mir völlig unbekannt und eine grüne Scheibe strahlt wie der Mond auf Erden auf uns herab. Es weht kein Wind, kein Wellengang ist zu erkennen, aber die Segel der Almina sind voll gebläht.

Lorudo-san kommt – geistig deutlich abwesend – an Deck und reckt gedankenverloren seine Hand dem grünen Mond entgegen. Seine Hände scheinen das Leuchten des Gestirns aufzufangen und zu reflektieren. Henuri-san tut es ihm gleich. Auch seine Hände fangen das grüne Leuchten auf und geben es an die umgebende Dunkelheit zurück.

Das Wasser, auf dem wir fahren, ist kein Wasser. Es ist spiegelglatt. Zu Untersuchungszwecken wird eine Probe der Substanz an Bord geholt. Sie ist irgendwie zähflüssig – ähnlich wie Wasser kurz bevor es zu Eis wird, dabei aber nicht kristallin.

Plötzlich beginnt sich die Sturmfront um uns herum zusammen zu ziehen. Gerade noch rechtzeitig gelingt es mir, mich unter Deck in Sicherheit zu bringen, bevor die Hölle der See erneut über uns hereinbricht. Ich bin zuversichtlich, dass Senchō die Almina auch dieses Mal sicher durch den Sturm bringen wird. Und so geschieht es auch. Nach wiederum einigen Minuten heftigen Rüttelns und Schüttelns legt sich der Sturm und wir fahren wieder in ruhigen Gewässern.


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