Kapitel 35 – 倉卒に 帰リ(Sōsotsu ni Kaeri) – Eilige Heimkehr

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15. Juli 1919

Nachdem das Oktopoden-Wesen unschädlich gemacht wurde, widmen wir uns nun wieder der Untersuchung der verzierten Mulde. Maikurofuto legt die Kugel hinein. Die Verzierungen und Ornamente beginnen zu leuchten und sich zu drehen bis sie nur noch als ein einziger Wirbel wahrzunehmen sind, der mich gnadenlos in sich hineinzieht. Hilflos erkenne ich, dass ich mich aus meinem Körper löse. Ich versuche mich dagegen zu wehren, aber vergebens. Dann finde ich mich körperlos schwebend über der Pyramide wieder. Ich merke, dass ich mich nicht mehr spüren kann und dass Panik in mir aufsteigt. Wo ist mein Körper?

Ich fühle auch die körperlose Gegenwart von Beruni-san, Mare-kun, Henuri-san und Maikurofuto. Vor meinem inneren Auge gleiten Bilder von Pyramiden und Schlangensteinen, solche, wie wir sie bei unserem Ausflug ins Moor vor knapp drei Wochen gesehen haben, vorbei. Ich nehme wahr, wie die Präsenzen von Mare-kun und Maikurofuto verschwinden, was mich nicht gerade beruhigt. Noch immer versuche ich die Verbindung zu meinem Körper aufzubauen und mich zu erden.

Es regnet. Es regnet? Wahrlich, ich kann die Tropfen auf meiner Haut spüren. Ich habe meinen Körper zurück, aber wo bin ich? Das ist nicht die Gebirgslandschaft rund um Visoko. Der Boden unter meinen Füssen ist feucht. Ich bin in einem Sumpf oder Moor zwischen dreien dieser seltsamen Schlangensteine. Mein Kopf tut weh und meine Gedanken rasen kreuz und quer durch meinen Geist. Ich bin nicht in der Lage, auch nur einen davon klar zu fassen.

Nur langsam erkenne ich: Hier war ich schon einmal. Das ist England, Devon, unser Ausflugsziel damals vor drei Wochen. Ich bin allein und habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin. Aber wenigstens weiss ich, wohin ich gehen kann. Highclere Castle liegt etwa drei Autofahrstunden nordöstlich von hier – und dort ist auch Mari-chan.
Ich laufe los in Richtung Osten, erreiche auch bald den Ort, an dem wir damals die Fahrzeuge geparkt hatten. Die Erlebnisse der letzten Stunden und Tage kreisen durch meinen Geist. Was davon war echt und was entwuchs nur meiner Vorstellungskraft? Immer wieder erzähle ich mir selbst, was ich erlebt habe (sonst ist ja niemand da). Vielleicht kann ich dadurch das Echte vom Erfundenen unterscheiden.

Nach etwa fünf Kilometern Fußmarsch erreiche ich eine Ortschaft, in der es auch ein Postamt gibt. Noch immer erzähle ich mir die Erlebnisse der letzten Tage – in meiner Muttersprache, die hier niemand versteht – ich kann einfach nicht aufhören. Ich versuche dem Postbeamten zu verstehen zu geben, dass ich ein Telefonat mit Mary-Ann von Humbolt auf Highclere Castle führen will. Dabei muss ich mich konzentrieren, um die richtigen englischen Worte zu finden. Dreimal muss ich mein Anliegen wiederholen, bis der Beamte versteht, was ich möchte. Dann schließlich klappt es. Er wählt eine Nummer, erreicht offenbar die Zentrale in Highclere Castle und lässt sich mit Mari-chan verbinden.

„Miss Humboldt?“, fragt der Beamte, „hier ist ein Chinese, der behauptet, Sie zu kennen. Ein ziemlich seltsamer Kerl. Möchten Sie mit ihm sprechen?“ Einige Sekunden des Bangens folgen, die sich für mich wie eine halbe Ewigkeit anfühlen. Mari-chan, bitte lass mich nicht im Stich! Dann reicht mir der Beamte den Telefonhörer. „Nihon-jin desu*“, knurre ich und nehme den Hörer entgegen. Der Beamte schaut mich verängstigt an.

Ich versuche Mari-chan klar zu machen, dass wir auf unserer Expedition getrennt wurden und dass ich irgendwie in England gelandet bin. „Monsieur Sanjuro, sprechen Sie ein bisschen langsamer. Ich kann Sie gar nicht verstehen. Wo genau sind Sie?“ Mari-chan, es tut so gut deine Stimme zu hören! Für einen Augenblick gelingt es mir, die Fassung zu gewinnen und ihr zu beschreiben, wo ich gerade bin. Sie verspricht, sich sofort auf den Weg zu machen und mich abzuholen.

Ich gebe dem Beamten den Hörer zurück und setze mich auf einen der freien Plätze im Wartebereich. Mir ist das alles zu viel. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er platzen. Ich will nicht mehr reden. Ich will nicht mehr denken… Ich will gar nichts mehr…

„Monsieur Sanjuro? Monsieur Sanjuro, geht es Ihnen gut?“ Mari-chan? Ich komme langsam wieder zu mir. Mari-chan! Ich war noch nie so glücklich, dich zu sehen!

„Daijōbu desu“, sage ich, „ich bin in Ordnung.“ Und im Augenblick habe ich wirklich das Gefühl, als sei mein Albtraum jetzt vorbei. Aber dieser Zustand hält nur kurz an. Als wir ins Auto eingestiegen sind, fragt mich Mari-chan, was passiert ist. In dem Moment, in dem ich anfange darüber nachzudenken, was uns denn eigentlich widerfahren ist, beginnt es in meinem Kopf wieder zu toben. Es sprudelt wieder wie ein Wasserfall aus mir heraus. Dieses Mal teils in Japanisch, teils in Englisch, plappere ich los und erzähle. Mari-chan versucht mir zu folgen, mahnt mich zuweilen an, langsamer und doch bitte in Englisch mit ihr zu sprechen, aber ich rede einfach immer weiter. Wir haben wohl etwa die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht, als mir dann klar wird, was ich hier eigentlich gerade die ganze Zeit von mir gegeben habe. Das ist mir nun furchtbar unangenehm. All diese wirren Gedanken – ich kann sie einfach nicht sortieren… Ich will sie einfach nur abschalten… Alles abschalten… Abschalten…………………

Ich komme wieder zu mir. Es ist Morgen auf Highclere Castle. Ich bin in meinem Gästezimmer, fühle mich irgendwie unwirklich. Haben sie mit Beruhigungmittel verabreicht? Es klopft. Es ist David-san. Er möchte sich mit mir unterhalten.

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* Übersetzung: Ich bin Japaner!

 


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