Kapitel 34 – 切霜の舞 (Kirishimo no mai) – Kirishimos Tanz

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14. Juli 1919

Wir folgen nun dem Weg, den wir gekommen sind – von der Plattform in den Kriechgang mit der seltsamen Oberflächenstruktur, weiter in den kapellenartigen Raum und die Wendeltreppe hinauf – um nun den Abzweig zu erkunden, den Mare-kun entdeckt hat. Henuri-san und Maikurofuto gehen noch einmal zurück, um die Formen in der Wand des dunklen, runden Raums abzuzeichnen.

Schon nach kurzer Zeit kommen sie eilig zurück. Hinter ihnen zwängt sich eine schwarze wabernde Masse durch den Eingang in den Raum, in dem wir uns gerade befinden. Wir nehmen die Beine in die Hand und fliehen in den Seitengang und weiter durch eine der beiden in diesem befindlichen Türen. Nach etwa 8 Metern kommen wir wieder an eine Tür und diese führt uns wieder auf den Gang, aus dem wir gekommen waren. Sind wir im Kreis gelaufen? Aber die acht Meter hinter der Tür führten doch nur geradeaus…

Keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Das schlabbernde Schmatzen kommt näher. Schon schlängeln sich die Enden schwarzer, schleimiger Fangarme in den Seitengang. Wir gehen noch einmal durch die Tür, diesmal etwas bedachter, und entdecken an einer Seite der Wand eine mit Ornamenten geschmückte Mulde, die wie für die grüne Kugel, die Maikurofuto vom Himmel gepflückt hat, gemacht scheint. Maikurofuto holt das Kleinod aus seiner Tasche, doch kommt er nicht dazu, auszuprobieren was geschieht, wenn er die Kugel tatsächlich in die Mulde legt. Ein schwarzer Fangarm rast auf ihn zu und hindert ihn an der Ausführung seines Vorhabens. Ein weiterer Tentakel zischt um Haaresbreite an meinem Hals vorbei. Vor uns steht ein aus fünf Oktopoden bestehendes Etwas, das darauf aus zu sein scheint, uns das Leben aus den Leibern zu quetschen.

Wie selbstverständlich ziehe ich Kirishimo, mein Schwert aus japanischer Meisterhand, aus seiner Scheide. Die Klinge habe ich mir nach meinem Rückzug aus dem Militärdienst von Ishido Hidekazu, einem Schwertschmiedemeister der neunten Generation aus Tokyo, anfertigen lassen. Meine Beweggründe waren eher nostalgisch-sentimentalen Art. In Japan ist das Führen eines Schwertes – abgesehen von Polizisten und Angehörigen des Militärs – in der Öffentlichkeit verboten, daher bin ich nicht davon ausgegangen, dass ich jemals in die Gelegenheit kommen würde, die Klinge einzusetzen, aber darum ging es mir auch nicht. Ishido-sama ist ein Meister der Schwertschmiedekunst, dem nachgesagt wird, nicht für jeden dahergelaufenen Möchtegern-Samurai zu arbeiten. Ich wollte herausfinden, ob er mich für würdig befinde und Ishido-sama prüfte mich. Nicht nur meine Kampfkunst, auch meine Idee von Verlässlichkeit, Ehre und Loyalität stellte er auf die Probe. Ich habe ihn sogar so sehr beeindruckt, dass er mir anbot, nicht nur ein Katana, sondern auch gleich eine kleinere Schwesternklinge, ein Wakisashi, im gleichen Stil anzufertigen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Ishido-sama, nachdem er dem Schwert seinen letzten Schliff gegeben hatte, mir die noch nicht ganz abgekühlte Klinge gab, damit ich sie testen konnte. Ich machte ein paar Bewegungen und Übungen, um ein Gefühl für Gewichtung und Lagerung des Schwertes zu bekommen, das sich aber als perfekt austariert erweisen sollte. Dabei streifte ich mit der Spitze den reifbedeckten Boden vor der Schmiede. Die Eiskristalle schmolzen und gaben den Blick auf das letzte Grün des Herbstes frei – ein Hauch von Hoffnung, der mich inspirierte. Ich bat Ishido-sama, die Kanji 切霜 ( 切る (Kiru) = schneiden, aufschlitzen, 霜(Shimo) = Reif, Raureif, Frost) in die Klinge zu gravieren. Das sollte ihr Name werden.

Nun sollte es also doch noch dazu kommen, dass Kirishimo sich im Kampf bewähren konnte. Ich sehe noch, wie ein weiterer Fangarm sich durch den Gang schlängelt, Henuri-san erwischt und ihn zu Boden reißt. Geistesgegenwärtig schlage ich auf den sich windenden Tentakel ein, der von meiner Klinge auch sauber durchtrennt wird, doch bedauerlicherweise Weise hilft das Henuri-san nicht weiter. Der abgetrennte Fangarm legt sich um seine Kehle und droht ihn zu ersticken.

Nun werde ich selbst von einem dieser Tentakeln erwischt. Statt darauf zu warten, dass das Biest mich zu sich heran zerrt, gehe ich direkt in die Offensive. Kirishimo schneidet singend durch die frostige Luft, bevor es einem dieser häßlichen Oktopodenschädel begegnet und ihn sauber in zwei Hälften teilt. An meinem linken Ohr zischt eine Gewehrsalve vorbei. Was zum… Doch auf Maikurofutos Zielsicherheit ist heute Verlass. Ein zweiter Oktopodenschädel fällt in sich zusammen. Mare-kun hat mit seinem Wurfmesser einen dritten ausser Gefecht gesetzt und wir sehen uns nunmehr „nur“ noch mit 16 Fangarmen konfrontiert, von denen mich einer wieder erwischt und zu erdrücken versucht.

Nicht mit mir! Ich halte Kirishimo mit beiden Händen fest vor mich und lasse mich von dem Monster näher an sich heranziehen. Ich spüre, wie meine Mundwinkel in freudiger Erwartung nach oben gleiten, als Kirishimos Klinge in das dunkle Fleisch eindringt. Schwarzes Blut, oder was auch immer in den Adern dieser Kreatur fließt, sickert aus den Wunden. Mit Leichtigkeit ziehe ich das Schwert nach oben und beobachte wie in Zeitlupe, wie das glänzende Metall sich durch die Widerlichkeit des Leibes dieses unheilvollen Geschöpfes arbeitet, bis weitere acht Fangarme in sich zusammen fallen. Shine, bakemon!

In Erwartung einer weiteren Salve aus Maikurofutos MG – welche dann auch prompt folgt – gehe ich in Deckung. Der fünfte und letzte Schädel der Kreatur wird zerfetzt und die letzten acht seiner Tentakeln fallen schlaff zu Boden.

 


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