Kapitel 33 – 星に (Hoshi ni) – Zu den Sternen

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14. Juli 1919

Auf der anderen Seite des “Portals” finden wir uns in eine kreisrunden, dunklen Raum von etwa 10 Metern im Durchmesser wieder. Ich erkenne die Umrisse der von Maikurofuto und Henuri-san beschriebenen Formen. Die Öffnungen erinnern an Schlüssellöcher, doch frage ich mich, welche Art Schlüssel hier wohl passen könnte…

Henuri-san deutet auf eine Form, die den Umrissen eines menschlichen Körpers ähnelt. Sogar recht bequem können wir uns durch die Öffnung schieben – hinein in einen weiteren, dieses Mal weissen Raum, an dessen Ende ein Geländer sofort ins Auge fällt. Als wir den Raum durchqueren, fällt Mare-kun ein Gang auf der rechten Seite auf, der ein paar Stufen nach unten führt. Das Geländer am Ende des Raumes erweist sich als der Eingang zu einer Treppe, die spiralförmig nach unten führt. Wir entscheiden uns, dieser zunächst zu folgen.

Die Treppe führt uns in einen drei mal drei Meter großen Raum – eine Art Kapelle. An einer Seite führt eine rechteckige Öffnung hinaus, gerade groß genug, um kriechend hindurch zu gelangen. Dieser Gang weist eine merkwürdige, pyramidale Oberflächenstruktur auf. Dieser seltsame Aufbau sorgt dafür, dass der Schall ungewohnt zurück geworfen wird. Akustische Kommunikationsversuche sind hier zum Scheitern verurteilt.

Am Ende des Kriechganges landen wir auf einer Plattform. Eine Treppe führt hier wieder nach oben. Über uns erstreckt sich ein Firmament. Es ist der gleiche unirdische Himmel, den wir bei unserer Reise durch den Sturm gesehen haben, mit dem gleichen grünen Mond, der zentral an diesem Himmel thront.

Ich bin so beeindruckt von diesem Anblick, dass ich für einen Moment alles um mich herum vergesse … und zucke plötzlich zusammen. Ich weiss nicht, ob es Maikurofutos plötzlich die Stille durchbrechender Vorschlag, voran zu gehen, war oder die Tatsache, dass er, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte, quer durch den Raum geschleudert wurde, diemich erschreckte. Mir entfährt ein überraschtes “Nan deshita ka”, als ich wie von einer unsichtbaren Riesenhand geschlagen ebenfalls durch die Luft fliege. Ich lande gefährlich nahe am Rand der Plattform. Benommen blicke ich in einen gut und gerne 500 Meter tiefen Abgrund. Das war knapp…

Wir steigen nun die Treppe hinauf – alle ausser Maikurofuto. Er hat entdeckt, dass es hier durch ein Summen in einer bestimmten Resonanz möglich ist, die Schwerkraft zu überlisten. Statt zu laufen, schwebt er die Stufen hinauf. Am oberen Ende der Treppe angekommen, erhöht Maikurofuto die Frequenz seines Summens und hebt nun ganz von der Plattform ab. Ich fühle mich spontan an eine Geschichte erinnert, die mir in der Bibliothek von Highclere Castle in die Finger gefallen war – eigentlich ein Kinderbuch, aber dennoch inspirierend. Der Name des Authors war James Matthew Barrie, wenn ich mich recht entsinne…

Ich beschließe nun auch diesen Schwebezustand erfahren zu wollen und versetze meinen Körper durch ein rythmisches Summen in Schwingung. Es gelingt. Ich hebe von der obersten Treppenstufe ab und schwebe den Sternen entgegen. Für einen Moment fühle ich mich, wie dieser Junge – Peter – aus diesem Buch.

Die Sterne verschwinden. Der Himmel wird pechschwarz – bis auf den grünen Mond, der nun, da wir direkt vor ihm schweben, nicht größer als ein kleiner Ball ist, ist nichts zu erkennen. Hier oben ist es kalt und unwirklich. Es scheint, als würde aus der Dunkelheit etwas nach mir greifen. Wenn ich mein Summen kurz unterbrechen muss, um zu atmen, ist es, als legten sich unsichtbare Fangarme um meinen Leib. Sie ziehen sich zurück, wenn das Summen wieder einsetzt.

Maikurofuto greift sich die Kugel. Durch Drosseln der Frequenz des Summens leiten wir unseren Abstieg von den Sternen herab ein und landen sicher auf dem oberen Absatz der Treppe. Die Sterne sind wieder zu sehen, aber sie sind nicht mehr grün, sondern leuchten nun in einem weissen Licht. Der grüne Mond ist ganz verschwunden.

Ich kneife mir in den Arm. Es tut weh oder zumindest schafft meine Vorstellungskraft es, mir einzureden, dass ich Schmerz empfinde – aber mein Verstand sagt mir, dass all das hier gar nicht wahr sein kann. Ich werde wahrscheinlich jeden Momemt in meinem Bett im Gasthaus der Schwarze Katze aufwachen und … ganz ehrlich … ich hatte noch nie einen Traum, der sich so real anfühlte …

Es ist doch ein Traum, oder…???

*Übersetzung: „Was war das?“


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