Kapitel 32 – 間府 (Mabu) – Unterirdische Gänge

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14. Juli 1919

Auf die Mondpyramide hinauf führt kein offensichtlicher Weg. Es gibt lediglich vereinzelte Trampelpfade, die womöglich von Wildtieren stammen. Wir beginnen den Aufstieg durch das üppige Buschwerk, das den Hauptbewuchs des Berges ausmacht. Indie verschwindet plötzlich im Unterholz. Henuri-san und Maikurofuto suchen und finden ihn. Er hat ein tiefes Loch im Boden entdeckt. An einer Seite der Senke ist ein zerklüfteter Spalt zu erkennen, der vielleicht nach innen führt.

Ich steige hinunter, um nachzusehen. Es scheint tatsächlich ein Eingang ins Innere des Berges zu sein. Nach etwa einem Meter im Kriechgang eröffnet sich vor mir ein gut begehbarer Gang. Ich gebe den anderen Bescheid. Sie folgen. Nur Indie bleibt zurück.

Der Tunnel weist eine unregelmäßige Form auf. Meist können wir aufrecht gehen, teilweise müssen wir aber auch auf Knien kriechen, um voran zu kommen. Bemerkenswert ist, dass der Tunnel von sich aus zu leuchten scheint. Wir benötigen keine eigenen Lichtquellen, um etwas zu sehen.

An einer Ecke entdecken wir eine Sitzmulde in der Wand. Das Los entscheidet, wem die Ehre zuteil wird, die Funktion – sofern es eine gibt – dieser Mulde zu erforschen. Die Wahl fällt af Henuri-san. Er setzt sich, aber nichts passiert.

Der Tunnel erweitert sich und es wird feucht zu unseren Füssen. Ein leichter Luftzug weht durch den Gang. Die unregelmäßige Bauweise des Tunnels sorgt für Zirkulation. Das Wasser wird tiefer, der Gang wird breiter. Schon waten wir knietief durch einen unterirdischen See. Maikurofuto und Mare-kun gehen voran, um zu prüfen, ob und wie wir am Besten durch dieses Badebecken kommen können.

Nach einer Weile kommen sie zurück und berichten, dass man unter Wasser atmen kann und dass es offenbar auch über keinerlei Auftriebkräfte verfügt. Wir folgen und ich mache die gleiche Erfahrung. Es fühlt sich nicht an, als würde ich durch das Wasser gehen. Meine Füße haften fest am Boden und ich kann atmen.

Nach einer Weile kommen wir wieder an die Oberfläche. Ich fühle mich erfrischt und energetisch aufgeladen, erfüllt von einer gewissen Euphorie. Meine Kleider sind zwar durch und durch nass, aber das stört mich gerade gar nicht. Aus den strahlenden Gesichtsausdrücken meiner Gefährten schließe ich, dass auch sie sich in einem ähnlichen energetischen Zustand befinden müssen.

Wir folgen weiter dem Gang. Nach einer Weile stoßen wir auf einen seltsamen Wirbel, der mitten im Weg tanzt. Um weiter zu kommen müssen wir wohl oder übel durch dieses Gebilde hindurch. Plötzlich ein klirrendes Geräusch. Es dringt nicht über meine Ohren in meinen Kopf. Die Töne treffen mich wie Nadeln direkt im Gehirn. Mein Schädel dröhnt, als wir dieses Etwas passiert haben, noch eine Weile und nicht nur ich brauche eine Pause. Henuri-san äußert die Vermutung, dass es sich bei dem “Wesen” um eine unbekannte Lebensform und bei diesen penetranten Geräuschen um den Versuch einer Kontaktaufnahme handeln könnte.

Als wir uns etwas erholt haben, gehen wir weiter und kommen an eine Weggabelung. Wir gehen zuerst nach rechts und kommen an eine weitere Gabelung. Auch hier gehen wir wieder nach rechts und wieder stoßen wir nach einer Weile auf eine Gabelung. Wir gehen wieder zurück und weitere Untersuchungen ergeben, dass die Wege sich alle nach ein paar Metern aufteilen. Wir gehen nun abwechselnd links und rechts herum durch die Gänge. Ich markiere den Weg, indem ich mit einem von Mare-kuns Wurfmessern Zeichen in das weichen, sandsteinartige Gestein ritze, die uns den Weg zurück weisen sollen.

Unsere Schlängel-Taktik funktioniert. Wir lassen die Gänge hinter uns und erreichen eine flache Höhle. Eine Schräge führt in einen tiefer gelegenen Raum. Es ist steil und glatt und es ist unmöglich, anders als rutschend weiter zu kommen.

Unsere Rutschpartie wird von einem dreieinhalb Meter langen, fast zwei Meter breiten und etwa einen Meter hohen Monolithen gestoppt. Die Höhle, in der wir gelandet sind, ist mit Holzbalken abgestützt. An einer Seite befindet sich eine Art Altar umgeben von steinernen Reliquien. Sowohl der Altar selbst als auch die Schmucksteine sind mit ähnlichen Ritzungen versehen, wie wir sie an der Ausgrabungsstätte der Krönungskirche gefunden haben.

Der Monolith, der uns abgebremst hat, scheint energetisch ähnlich strukturiert zu sein wie die Steinkugel zwischen Mond- und Drachenpyramide und das Wasser des unterirdischen Flusses. Eine zufällige Berührung des Steins versetzt mich augenblicklich wieder in diese vertraute, erfüllte Empfindungswelt. Eine gezielte Berührung steigert dieses Gefühl bis hin zu einer bisher noch nicht erfahrenen Intensität. Es ist sogar soetwas wie ein energetischer Rythmus zu spüren, eine Art Pulsieren, das meinen ganzen Körper durchströmt.

Als wir nun alle gleichzeitig die Hände auf den Stein legen, intensiviert sich der Energiestrom noch einmal zusätzlich. Wir verbinden uns mit dem rhythmischen Pulsieren und der Monolith beginnt vor unseren erstaunten Augen unter unseren Händen zu schweben. Als wäre das allein nicht schon unglaublich genug, scheint sich die Wand hinter dem Altar aufzulösen. Wir setzen den Stein wieder ab und die Wand erhält ihre Solidität zurück.

Um den Raum hinter der Wand nun erforschen zu können, heben wir den Stein zu viert an. Maikurofuto geht durch die nun wieder vorhandene Öffnung in der Wand. Nach einer Weile kommt er zurück und berichtet von einem großen, dunklen Raum mit seltsamen Öffnungen in den Wänden. Er bittet Henuri-san, diese zu untersuchen. Maikurofuto und Henuri-san tauschen also die Plätze. Mir steht mittlerweile der Schweiß auf der Stirn. Kann es wirklich sein, dass ich hier gerade mit bloßen Händen einen Stein schweben lasse und damit eine Art “Dimensionstor” offen halte? Ich beginne an meiner Wahrnehmung zu zweifeln.

Henuri-san kommt nach einer Weile zurück und berichtet, dass sich hinter einer der Öffnungen in der Wand ein weiterer Raum befindet. Nach kurzer Überlegung entscheiden wir nun, alle durch das “Portal” zu gehen. Der toröffnende Stein senkt sich langsam genug ab, so dass wir alle nacheinander in den von Henuri-san und Maikurofuto bereits zuvor besichtigten Raum gelangen können.


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