Kapitel 3 – 誕生日 (Tanjoubi) – Geburtstag

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12. Mai 1919

Es neigt sich schon dem Abend zu, als ich mit meinen beiden Neffen im Schlepptau zurück nach Hause komme. Tsuki , die Frau meines Bruders Yukio, hatte mich am frühen Morgen aus dem Bett geklingelt und mich nach dem Frühstück, das sie auch gleich mitgebracht hatte, mit den Jungs aus dem Haus geschickt. Sie wollte in Ruhe zusammen mit ihrer Tochter Midori alles vorbereiten, um mir einen würdigen Geburtstag und Abschied vor der langen Reise, zu der ich mich entschlossen habe, zu bereiten. Ich hatte sie davon abhalten wollen, aber sie bestand darauf, mir etwas Gutes zu tun. Ich hatte mit den Kindern einen schönen Tag. Wir waren am Strand und im Zoo und sind zu guter Letzt auch noch zum Atago-Schrein hinaufgestiegen. Der fünfjährige Shiosuke schläft auf meinem Arm. Für ihn war der Tag sehr aufregend. Mein anderer Neffe Ryuichi ist der Sohn meiner verstorbenen Schwester Kikyō. Er ist sehr still für einen Zehnjährigen, was nicht verwunderlich ist. Er hat viel durchgemacht, seit er vier war. Zuerst wurde er von seinem Vater verlassen, dann starb seine Mutter und nun, vor etwas mehr als einem viertel Jahr, war nun auch seine Großmutter, die er über alles liebte, von uns gegangen. Nach Kikyos Tod hatten Yukio und Tsuki ihn ohne Diskussion bei sich aufgenommen. Ryuichi fühlte sich bei ihnen geborgen, doch – das hatte er mir im Vertrauen erzählt – hatte er Angst, dass er auch von ihnen eines Tages verlassen würde. Es muss hart sein, in so jungen Jahren eine solche Bürde mit sich herumtragen zu müssen.

Die Nachricht von meinen Plänen zu einer Europareise hatte meine Familie verschieden aufgenommen. Okumura Gōrō, mein Vater hielt nicht viel davon. Für ihn waren die Europäer und Amerikaner, die immer häufiger und zu immer mehreren nach Japan kamen, schon genug. Otosan [jap.: Vater] war über die Jahre immer verbitterter geworden – genauso wie mein Großvater Takeshi, der die letzten Jahre seines Lebens nur noch mit Bedauern zubrachte. Ich hoffe, dass ich nicht so enden werde.

Yukio hingegen begrüßte meine Idee, zu verreisen. „Ein Tapetenwechsel wird dir sicher gut tun, kleiner Bruder“, hatte er gesagt, als ich ihm von meinen Plänen berichtete, „ich bin gespannt, ob du jemals wieder zurück kommst.“ „Ich auch“, hatte ich geantwortet. Yukio kennt mich besser, als irgendjemand sonst. Schon oft ist es vorgekommen, dass er, wenn ich in Entscheidungssituationen steckte, wußte, welchen Weg ich einschlagen würde, bevor es mir selbst klar wurde.

Gegen acht kommen die ersten Gäste. Es sind zum Teil Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne. Als Maikurofuto eintrifft, richtet sich die Aufmerksamkeit meiner anderen Gäste dezent aber spürbar auf ihn und seine Begleiter. Maikurofuto stellt mir seine Freunde vor: Lord Carnarvon, Henry Walton Jones und Ragnar Hinrich Wigbold. Er erklärt mir, dass er seit einigen Jahren für den Lord arbeite und dass das Schiff, mit dem wir nach Europa reisen, die Almina, ihm gehört. Höflich bedanke ich mich bei Lorudo-san für die Reisemöglichkeit und sage ihm, dass ich mich sehr darauf freue, England bald kennenlernen zu können.

Raguna ist der Kapitän, der Senchō, der Almina. Henuri-san ist Historiker und Linguist. Er hat sich zur Feier des Tages festlich angekleidet. Er trägt eine Art knielangen Rock. Das sei ein Kilt, erklärt er mir, Teil der traditionellen schottischen Tracht. Schottisch, Schottland… Irgendwo habe ich das schon einmal gehört, aber ich weiß das gerade nicht so richtig einordnen. Henuri-san präsentiert mir seinen Versuch eines Gedichtes:

告別する 日本 時の人 青木ヶ原
Kokubetsusuru Nihon Jikanhyou Aokigahara (Lebewohl, Japan (deine) Pünktlichkeit (im) Aokigahara)

Ich bin ehrlich in meiner Meinung: es klingt etwas grob und holperig, sage ich, aber man könne den Sinn verstehen. Das ist schon mal eine ganze Menge für jemanden, der unsere Sprache kaum kennt. Yukio kommt zu uns und stellt sich meinen neuen Bekannten vor. Als Historiker versteht er sich auf Anhieb hervorragend mit Henuri-san. Lorudo-san läßt sich auf einem Gartenstuhl nieder und genießt den Anblick der Frauen in ihren kunstvoll gemusterten Kimonos.

Der Abend wird lang. Als schon alle Gäste nach Hause oder zu Bett gegangen sind, sitze ich mit Maikurofuto in tiefgründige Gespräche vertieft noch immer bei einer Partie Mayong. Erst gegen zwei Uhr am Morgen packen wir das Spiel ein. Es wird Zeit. In ein paar Stunden wollen wir den ersten Zug nach Mito nehmen und dann an Bord der Almina unsere Reise nach Europa antreten.


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