Kapitel 3 – マリちゃんの従兄弟 (Mari-chan no itoko) – Mari-chans Vetter

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23. September 1919

Nach einem nun zweimonatigen Aufenthalt im Sanatorium auf Highclere Castle, bescheinigt David-san uns heute den erfolgreichen Abschluss der Therapie. Mari-chan hat es eilig und will in ihrer Apotheke in Exeter nach dem Rechten schauen.

Maikurofuto und ich durchforsten gerade die aktuelle Tageszeitung, als sie aufgeregt in den Salon tanzt und Maikurofuto bezirzt, sie nach Exeter zu fahren. Nach einer kurzen Diskussion darüber, dass er doch kein Fuhrunternehmen betreibe und einigen hilflos bettelnden Aufschlägen von Mari-chans Seite, willigt Maikurofuto schließlich ein. Er fragt mich, ob ich sie begleiten wolle. Ich habe heute nichts besseres vor und fahre also mit den beiden nach Exeter.

Mari-chan ist hoch empört, als sie feststellt, dass ihre Apotheke geschlossen ist. Sie stürmt ins Haus und ruft nach einem gewissen „Emil Ferdinand“, aber niemand meldet sich. Entrüstet echauffiert sie sich über diese Unzuverlässigkeit, die sie von ihrem Vetter nie im Leben erwartet hätte.

Entnervt und fassungslos läuft sie durch ihre Apotheke. Ich finde ein Notizbuch. Es ist leer, aber ein paar Seiten scheinen herausgerissen worden zu sein. Ich starre auf die leeren Seiten und bin plötzlich wie gelähmt. Meine Gedanken werden fortgerissen, treiben mich in eine Welt, die ich hinter mir zu lassen versuche. Dunkelheit, Kälte, Tentakeln – ein grüner Mond. Mein Geist windet sich im Zwiespalt. Die Verstandesseite versucht mir einzureden, dass diese Erlebnisse nur meiner Vorstellungskraft entsprungen seien. Nichts davon ist echt. Die andere Seite ist mehr ein Gefühl, das dumpf aus dem Magen an die Oberfläche meines Bewusstseins pocht. Erinnere dich, Okumura, du hast es erfahren… Du hast es gefühlt… Du weißt es…

Nein! Ich will mich nicht erinnern. David-san hat recht. Ich sollte nicht zu viel darüber nachdenken.

Ein spitzer Schrei reisst mich aus meiner Versenkung. Es ist Mari-chan. Schnell lege ich das Notizbuch zur Seite und sprinte die Treppe nach oben, von wo dieser von Schrecken begleitete Schrei kam. Bevor ich das Zimmer erreiche, höre ich noch, wie heftig eine Schranktür zugeschlagen wird. Mari-chan ist kreidebleich. Maikurofuto hilft ihr, sich zu beruhigen. „Ich habe dir doch gleich gesagt, lass es“, belehrt er sie scharf.

Emil Ferdinand hat, wie wir herausfinden, als Matrose auf einem Frachtschiff mit Ziel Tokyo angeheuert. Das Schiff ist heute morgen aus dem Hafen Portsmouth ausgelaufen. Wieder jemand, der urplötzlich nach Japan aufgebrochen ist. Maikurofuto hatte mir erzählt, dass sein Stammgeschäft für Tabakwaren in London geschlossen wäre. Der Inhaber war einem plötzlichen Drang nach einer Fernost-Reise nachgegangen. Auch ihn zog es nach Japan. Ähnlich scheint es dem Butler von Mrs. Chadwick ergangen zu sein. In einem Telefonat erfährt Maikurofuto, dass der Mann vor vier Wochen ohne Erklärung auf eine Reise gegangen sei. Wohin? Das wusste Mrs. Chadwick nicht. Aber Maikurofuto hatte da so eine Ahnung. Auch Henuri-san weiß aus einem Briefwechsel zu berichten, dass ein Assistent seines Gastgebers in Halifax von einer plötzlichen Abenteuerlust gepackt wurde und nach Japan aufbrach.

Auf dem Rückweg nach Highclere Castle besprechen Mari-chan und Maikurofuto das weitere Vorgehen. Mari-chan ist unentschlossen. Maikurofuto betont, dass, wenn sie versuchen wollten, Emil Ferdinand einzuholen, sie heute noch losfliegen müssten. Mari-chan erwägt das Für und Wider, verhaspelt sich dann aber in Spekulationen über die Gründe der Reise ihres Vetters, die sie beinahe zum Weinen bringen. Als wir schließlich Lorudo-sans Anwesen erreichen, ist es abgemacht. Die Martinsyde wird startklar gemacht und hebt eine halbe Stunde später ab, um die Verfolgung des Frachters, auf dem Emil Ferdinand angeheuert haben soll, aufzunehmen.

Ich bleibe auf Highclere Castle. Lorudo-san hat Neuigkeiten für mich. Ihm ist nicht entgangen, dass ich in den letzten Wochen des öfteren unterwegs war, um mich nach einem angemessenen Anwesen für mein zukünftiges Leben in Great Britain umzusehen. Er berichtet mir, dass ein Anwesen ganz in der Nähe zum Verkauf stünde. Curdridge Hill sei 1890 von einem seereisenden Händler errichtet worden. Der Mann sei nun vor einem halben Jahr seiner Gattin, die bereits 1913 diese Existenzebene verließ, ins Jenseits gefolgt. Die Erben können oder wollen dass Anwesen nicht behalten und bieten es nun zum Verkauf an. Das sei noch nicht offiziell, sagt Lorudo-san augenzwinkernd und reicht mir die Telefonnummer eines Immobilienmaklers.

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