Kapitel 27 – 市場において (Shijo ni oite) – Auf dem Markt

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12. Juli 1919

Gut ausgeschlafen erwache ich und begebe mich nachdem ich mich frisch gemacht habe zum Frühstück in den Gastraum. Omar, Mahir und Emir warten bereits auf uns, um mit uns das weitere Vorgehen bzw. die Fortsetzung ihres Auftrages zu besprechen. Maikurofuto übernimmt das Verhandeln.

Plötzlich erhebt sich lautes Geschrei und Gezeter auf der Straße. Eine Frau mittleren Alters – der Kleidung nach eine Bäuerin – läuft wild mit den Armen fuchtelnd umher. “Nesreća, nesreća”, ruft sie immer wieder. Wir sehen nach, was los ist.

Vor einem Gehöft etwa 100 Meter von unserer Herberge entfernt sammelt sich eine Menschentraube, der auch wir uns anschließen. Der Bauer hockt völlig verzweifelt am Boden vor dem Rinderstall, neben ihm ein kleiner Junge, der nervös an seiner Kleidung zupft. “Tata, tata”, jammert er.

Neugierig drängen wir in den Stall und entdecken, was für die Aufregung hier verantwortlich ist. Eine Kuh hat gekalbt. Was sie aber zur Welt brachte, war nicht lebensfähig. Ein deformiertes Kalb mit nur einem einzigen Auge, welches fast seinen kompletten Kopf bildet, und mit grünen Hufen, die irgendwie fluroszierend wirken. Diesen Grünton habe ich schon einmal gesehen – es ist die gleiche Farbe wie die des seltsamen Mondes, den wir auf der Überfahrt von Japan nach Europa im Auge des Sturms gesehen haben. Maikurofuto erstarrt. “Das ist eine Warnung”, sagt er, “etwas will uns davon abhalten, in den Pyramiden nach der Kugel zu suchen.”

Plötzlich wird es draussen unruhig. Die Menschenmenge wird auf einmal sehr wütend. Sie schimpfen und fluchen “Beza podleg, beza podleg”, höre ich immer wieder. Die Blicke und Gesten der Umstehenden deuten auf einen Jungen. Es ist das gleiche Kind, das uns gestern flugzeugspielend über den Weg gelaufen war. Die Menschenmenge wird immer wütender. Es werden sogar Steine geworfen. Der Junge läuft weg, wird, wie es aussieht, aber nicht verletzt.

Maikurofuto bittet Henuri-san, sich Indi ausleihen zu dürfen. Zusammen mit dem Vierbeiner versuchen wir den Jungen zu verfolgen. Indi scheint auch eine Fährte gefunden zu haben und führt uns zielsicher zu einem kleinen Busch, den er eine Weile beschnüffelt, dann aber recht schnell das Interesse verliert.

Wir brechen die Suche ab und gehen zurück zum Gasthaus, wo noch die Reste unseres Frühstücks auf uns warten.
Nach dem Frühstück setzen wir unser touristisches Bildungsprogramm fort und besuchen den Markt. Beruni-san fühlt sich ob der Aussicht auf einen zwei Kilometer langen Fussmarsch überfordert und beschließt in die Innenstadt zu reiten. Mare-kun tut es ihm gleich – vermutlich aber weniger wegen des anstehenden Spaziergangs als vielmehr ob seiner passionierten Hingabe zu den Tieren.

Auf dem Markt herrscht ein reges Treiben. Bauern, Schmiede, Töpfer – Händler aller denkbaren Professionen bieten ihre Waren feil. Als Mare-kun und Beruni-san ihre Pferde auf den Markt führen, bildet sich augenblicklich eine Traube hochinteressierter Käufer um sie herum. Mare-kun gibt den Kaufinteressierten mit starrem Blick und kontinuierlichem Kopfschütteln zu verstehen, dass das Pferd nicht zum Verkauf stehe. Beruni-san will sich der Aufdringlichkeit der Händler nicht weiter aussetzen und führt Wallach Oscar wieder vom Markt fort.

Ich entdecke einen Teehändler. Die geöffneten Teesäcke verströhmen einen verführerischen Duft. Ich bleibe stehen und nehme die Ware genauer unter die Lupe. “Bring mir etwas guten Schwarztee mit”, ruft Mare-kun mir nach, verlegt sich dann aber gleich wieder darauf, sich die lästigen Händler vom Hals zu halten.

Der Teehändler bemerkt mein Interesse an seiner Ware. Ich wage zu bezweifeln, dass es hier japanische Teesorten gibt, versuche aber trotzdem mein Glück und zeige dem Händler den Inhalt meines Teesäckchens. Der Händler bekommt große Augen. Bewundernd lässt er die smaragdgrünen, gleichmäßigen Blätter durch die Finger gleiten und prüft ihren Duft. Er wirkt beeindruckt. Sein Blick wandert zwischen mir und dem Tee hin und her.

Fassungslosigkeit und Begeisterung spiegeln sich gleichermaßen in seinem Gesicht wieder. Mit Händen, Füßen und ein paar englischen Brocken gibt er mir zu verstehen, dass er meinen Sencha gerne kosten möchte. Er bittet mich in sein Zelt. Erst jetzt bemerke ich, dass Henuri-san auch am Teestand hängen geblieben ist. Ich gebe dem Händler zu verstehen, dass ich meinen Freund auch gerne zum Tee einladen würde. Er nickt und lüftet für uns den Vorhang, der den Verkaufsstand vom Hinterraum trennt.

Ich fülle vier Teelöffel der Sencha-Blätter in eine Teekanne, gieße heißes Wasser darüber und seihe den Sud nach einer knappen halben Minute ab. Während ich den Tee zubereite, klopft sich der Händler auf die Brust und sagt “Željko”. Ich verstehe und klopfe auch auf meine Brust und sage “Sanjuro”. Der Tee ist fertig. Ich fülle die bereitgestellten Tassen. Željko nimmt den ersten Schluck, prüft ausgiebig den Geschmack, der offenbar seinen Gefallen findet. Henuri-san verabschiedet sich nach einer Tasse. Er will noch nach seltenen Büchern und Dokumenten Ausschau halten.

Ich verweile noch bei Željko und bereite den zweiten Aufguss für den Tee vor. Ich wundere mich, ob auf unserer Reise irgendwelche unbekannten Zusatzstoffe in den Tee geraten sind – Željko kriegt sich vor Begeisterung gar nicht mehr ein – aber ich selbst bemerke keine ungewöhnliche Wirkung. Željko möchte auf jedem Fall mehr von diesem Tee. Ich habe selbst nicht mehr viel – genug für vielleicht zehn Kannen  –  und versuche gestisch und mimisch mein Bedauern darüber auszudrücken, dass ich nicht mehr anbieten kann. Željko ist dennoch zufrieden. Er lässt mir freie Auswahl für die Waren an seinem Stand. Ich entscheide mich für einen kräftigen Schwarztee für Mare-kun und einen leichten unfermentierten Tee für mich. Željko überreicht mir zum Abschied noch ein Döschen mit einem besonderen Tee, der sehr stark nach Blumen duftet. “Yasmin”, sagt er. “Hai, hai, yasumi”, antworte ich. Da bedeutet „Ja, Urlaub“.

Ich halte Ausschau nach meinen Begleitern, kann sie nicht direkt ausmachen. Wen ich aber sehe sind Wallach Oscar und das Pferd, mit dem Mare-kun zum Markt gekommen ist. Ich steuere auf Wallach Oscar zu und entdecke erwartungsgemäß Beruni-san, der verzweifelt versucht, sich zu orientieren und sich zeitgleich gegen die Händler zur Wehr zu setzen. Ich helfe ihm den Weg zu finden. Wir treffen Mare-kun. Auch Henuri-san und Maikurofuto sind bei ihm. Henuri-san hat ein historisches Dokument erstanden. Es handelt sich um eine Karte aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Auch hier ist bereits die Pyramide verzeichnet.

 


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