Kapitel 26 – 修道院に (Shudoin ni) – Zum Kloster

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11. Juli 1919

Wir erwachen mit den ersten Sonnenstrahlen und machen uns nach einem kräftigenden Frühstück auf zur Überwindung der letzten Etappe zu unserem Ziel. Es geht steil bergan, so dass wir unsere Pferde führen müssen. Gegen Mittag erreichen wir den Bergkamm. Maikurofuto verifiziert mittels Feldstecher und der Photographien von Lorudo-san die Vermutung, dass es sich bei der Ortschaft dort unten im Tal um unser Ziel Visoko handelt.

Gelassen und guter Dinge reiten wir den Hang hinunter. Hinter uns taucht plötzlich ein Junge auf. Er läuft mit ausgebreiteten Armen hinter uns her und erzeugt mit dem Mund einen Klang, der an das Motorengeräusch einer Propellermaschine erinnert. Lorudo-sans Überflug mit der Martinsyde scheint bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

Wir steuern ein Gasthaus am Ortsrand an. “Črná Mačka” heißt es. Henuri-san erklärt, dass der Name “Schwarze Katze” bedeutet. Wir stehen vor einem dreistöckigen Gebäude. Im Erdgeschoss befindet sich der Gastraum, im zweiten Stock liegen der private Wohnbereich der Wirtsfamilie und die Küche. Der Wirt führt uns ins Dachgeschoss, wo fünf Gästezimmer auf uns warten. Wir richten uns ein, nehmen in der Gaststätte noch einen Imbiss zu uns und machen uns dann auf, die Stadt zu erkunden. Vielleicht können wir noch etwas über die Pyramiden in Erfahrung bringen, oder etwas anderes, das uns bei unserer Mission hilft.

Henuri-san schlägt vor, das örtliche Franziskaner-Kloster zu besuchen. Mir gefällt die Idee, mehr über die hiesigen kulturellen Hintergründe und spirituellen Ideen zu erfahren und ich verkünde, mich dem Ausflug anschließen zu wollen. Auch Maikurofuto begleitet uns.

Wir erreichen das Kloster – ein dreistöckiges, schlichtes Gebäude. Nachdem wir geläutet haben, öffnet ein freudlich schauender Mann in einer einfachen dunkelbraunen Kutte das Tor. Henuri-san spricht ihn in einer Sprache an, die ich nicht verstehe. “Das ist Latein”, flüstert Maikurofuto mir zu, als er meinen verständnislosen Blick bemerkt.

Henuri-sans Worte scheinen dem Mönch, Bruder Paulus zu gefallen. Sein ohnehin freundliches Gesicht erhellt sich während des Gespräches noch mehr. Mit einer Geste bittet er uns einzutreten und führt uns im Kloster herum. Henuri-san übersetzt seine Erklärungen für uns.

Das Kloster ist noch sehr jung und wurde erst vor vierzehn Jahren hier errichtet. Dauerhaft wird das Kloster derzeit von vier Ordensbrüdern bewohnt. Die Zimmer und das gesamte Gebäude sind spartanisch und einfach eingerichtet. Bruder Paulus erklärt, dass sich der christliche Franziskanerorden einem Leben in Armut, Demut, Freundlichkeit und Barmherzigkeit verschrieben hat – eine Lebensweise, die mir von den buddhistischen Klöstern in meiner Heimat bekannt ist.

Während ich noch über diese kulturellen Parallelen nachdenke, betreten wir den Innenhof des Klosters, in dem ein üppiger Kräuter- und Gemüsegarten angelegt wurde. Die Franziskaner, erklärt Bruder Paulus, bauen alles, was sie zum Leben brauchen, selbst an. Als Selbstversorger nehmen sie auch keine Spenden oder Almosen entgegen. Das allerdings unterscheidet Paulus und seine Glaubensbrüder deutlich von den buddhistischen Traditionen meines Landes, wo die Mönche ihren Lebensunterhalt ausschließlich von Almosen bestreiten.

Bruder Paulus klärt uns noch über ein paar historische Besonderheiten des Ortes auf. So sei Visoko die Stadt der bosnischen Könige und seit Jahrhunderten lebten hier Menschen verschiedener Abstammungen und Glaubensrichtungen friedlich zusammen. Henuri-san erkundigt sich nach der Bibliothek. Bruder Paulus zeigt uns den Raum und drück wohl sein Bedauern darüber aus, dass die Bibliothek nicht viel mehr als ein paar Bibeln und Gesangsbücher beherbergt. Er empfiehlt uns einen Besuch im Stadtarchiv im Rathaus, wenn wir mehr über den Ort erfahren möchten. Auch den Wochenmarkt, der morgen in der Innenstadt abgehalten wird, legt er uns nahe, wenn wir uns als Forschungsreisende mit der hiesigen Kultur vertraut machen wollten. Auf die Frage nach den Pyramiden antwortet er nur, dass diese schon immer da waren.

Es ist inzwischen Abend geworden. Wir kehren zurück zur Schwarzen Katze. Der Gastraum ist mittlerweile gut gefüllt. Zum Abendessen gibt es Pljeskavica, eine Art flache Hacktaler. Wir reden beim Essen über unsere Rückreise und erarbeiten Ideen, wie wir am besten durch das “Feindesland” kommen. Maikurofuto schlägt vor, dass wir uns in Frauenkleidern durch das Land mogeln könnten. Auch wenn das nur als Scherz gemeint war, erkenne ich in Beruni-sans Augen ein sehnsuchtvolles Glitzern.

Ich bestelle mir ein Pivo und stopfe meine Kiseru. Maikurofuto jagt den Schürzen der Serviererinnen hinterher und verschwindet während dessen für eine verdächtig lange Zeitspanne nach oben.

 


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