Kapitel 23 – 伏兵 (Fukuhei) – Hinterhalt

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9. Juli 1919

Maikurofuto weckt mich zu meiner Nachtwache-Schicht. Wir lagern an einer Felswand ein paar Meter abseits des Weges. Es wurde darauf verzichtet, ein Feuer zu entzündet, um unseren Aufenthaltsort in der Nacht nicht zu verraten. Für einen besseren Überblick der Situation begebe ich mich etwas näher an den Pfad. Nach einer Weile höre die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes, das sich in unsere Richtung bewegt. Ich harre aus und warte, bis der Reiter unsere Position passiert hat. Jemand, der in der Nacht mit so einer Geschwindigkeit durch das Gebirge prescht, muss sich in der Gegend gut auskennen.

Ich zucke zusammen, als ich hinter mir ein Knacken im Buschwerk höre und entsichere instinktiv mein Gewehr, dann erkenne ich, dass es Mare-kun ist, der – offenbar vom Hufgetrappel geweckt – nach dem Rechten schauen wollte. Ich atme erleichtert auf und sichere meine Waffe. Zusammen wecken wir die anderen und klären sie über den Passanten auf. Omar drängt zu sofortigem Aufbruch und zu größter Vorsicht. Wir machen uns auf das Schlimmste gefasst.

Es dämmert bereits, als wir ein bewaldetes Tal erreichen. Plötzlich fällt ein Schuss aus dem Unterholz. Ich kann zwischen den Bäumen niemanden erkennen, gebe meinem Pferd die Sporen und konzentriere mich darauf, im Sattel zu bleiben und Deckung zu halten. Jetzt wäre der Einsatz einer Handgranate vielleicht sinnvoll… ?

Nach einer Weile ist der Spuk vorbei. Es wird nicht mehr geschossen und wie durch ein Wunder sind alle unbeschadet durch den Hinterhalt gekommen. Ich bin weiterhin angespannt und spüre, wie das Adrenalin, das durch meinen Körper peitscht, mich wach und aufmerksam hält.

Gegen Mittag erreichen wir einen Kreuzweg. Im sandigen Untergrund erkennen wir die relativ frischen Hufabdrücke eines Pferdes im Galopp. Omar führt uns weiter geradeaus. Die akute Gefahr scheint erst einmal vorüber, dennoch bleibe ich wachsam, auch wenn es mir langsam schwer fällt.

Es ist bereits spät am Nachmittag, als wir schließlich eine aus fünf Gehöften bestehende Siedlung erreichen. Omar klopft an die Tür eines der Häuser und wird eingelassen. Die Tür schließt sich hinter ihm und eine schier unerträglich lang scheinende Zeitspanne sehen wir nichts von ihm. Ich werde nervös und rechne jeden Augenblick damit, dass plötzlich aus den anderen Häusern bewaffnete Bauern auf uns zustürmen. Doch nichts dergleichen geschieht. Endlich kommt Omar zurück und signalisiert uns, die Pferde und uns selbst in die Scheune zu bringen. Zum Abendessen gibt es Passui – einen Bohneneintopf. Nachdem ich gut und gerne einen Tag lang keine ordentliche Mahlzeit zu mir genommen habe, genieße ich dieses Mahl ganz besonders.

Ich schlafe sofort ein, als ich mich ins Stroh fallen lasse.

 


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