Kapitel 24 – 占 (Uranai) – Weissagung

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10. Juli 1919

Als ich aufwache, sind alle anderen schon aus dem Stroh gekrochen. Ich fühle mich trotzdem unausgeschlafen, tapse benommen zum Brunnen und entleere einen Eimer frischen, kalten Wassers über meinem Kopf. Das hilft und bringt meinen Kreislauf in Schwung.

Neben frischem Brot, Gemüse, Wurst und Käse wird heute zum Frühstück eine besondere regionale Spezialität gereicht. Es handelt sich um “Domaća Kafa” – ein Gebräuch, das aus einem mit kochendem Wasser übergossenen, dunkelbraunem Granulat gewonnen wir. Der Sud wird abgerundet mit Milch und Zucker. Mir kommt ein Gedankenblitz. Als ich an Bord der Akitsushima diente, habe ich von Tanaka-san, unserem Funker, ein paar Brocken Russisch aufgeschnappt. Ich erinnere mich das “dom” Haus bedeutet bzw. “doma” zu Hause. Ich schließe daraus, dass “Domaća Kafa” soviel “Hauskaffee” bedeuten muss.

Nachdem die Becher gefüllt sind, gibt Omar uns zu verstehen, einen Moment zu warten, damit das Granulat sich setzen kann. Das Gebräu schmeckt sehr süß und scheint mir den Gaumen zu verkleben, aber es macht wach, weckt selbst die müdesten Geister.

Als wir unsere Becher geleert haben, signalisiert uns Omar, diese lautstark auf den Tisch zu stürzen. Wir tun, wie uns geheißen. Das laute Krachen der Tonbecher auf den hölzernen Untergrund lockt die Hausherrin herbei. Breit grinsend betrachtet sie die Reste des Kaffeegrundes in den Trinkgefäßen, doch dann verfliegt ihr Grinsen. “Pyramida no, pyramida no” wiederholt sie immer wieder. Will sie uns warnen? Aber wovor und woher weiss sie, wohin wir unterwegs sind?

Nach dem Frühstück brechen wir auf und erreichen nach etwa zwei Stunden einen Flusslauf. Es gibt keine Brücke. Wir folgen dem Flusslauf ein Stück talwärts, erreichen schließlich eine schmale Sandbank. Brusthoch steht das Wasser mir an der tiefsten Stelle und es verlangt mir einiges an Konzentration ab, mich und mein Pferd einigermaßen heil über den Fluss zu bringen. Maikurofuto trifft es weniger glücklich. Die Zügel seines Pferdes entgleiten ihm. Das Tier wird von einer Strömung erfasst und zerschellt ein Stück flussabwärts unglücklich an einem Felsen. Eines unserer Packpferde verliert die Ladung, die aber von Maikurofuto glücklicherweise an der nächsten Flussbiegung eingefangen werden kann.

Es ist mittlerweiler später Nachmittag geworden. Als wir das andere Flussufer erreichen, schlagen wir ein Lager auf und entfachen ein kleines Feuer, um unsere Kleider zu trocknen.

 


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