Kapitel 22 – 敵愾心 (Tekigaishin) – Anfeindungen

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8. Juli 1919

Nach einer erholsamen Nacht im Stroh stärken wir uns mit von der Hausherrin bereiteten gefüllten Teigtaschen, die sie “Burek” nennt, zum Frühstück. Gut ausgeruht und gestärkt machen wir uns auf den Weg.

Gegen Mittag halten wir Rast an einem Fluß und füllen unsere Energiereserven mit dem Reiseproviant, welchen wir in unserer letzten Herberge erworben hatten, auf. Maikurofuto fordert mich zu einem freundschaftlichen Duell im Nahkampf heraus. Selbstverständlich nehme ich an – das ist eine Frage meiner Ehre. Doch diese sollte einen derben Dämpfer erfahren. Noch bevor ich dazu komme, auch nur einen Schlag oder Tritt auszuführen, liege ich schon am Boden.

Ich gratuliere Maikurofuto zu seinem Sieg, bin aber eigentlich tief gekränkt ob dieser peinlichen Niederlage. Maikurofuto scheint das nicht zu entgehen, denn er entschuldigt sich bei mir. Nun fühle ich wirklich in meiner Ehre verletzt…

Am späten Nachmittag gerät eine größere Ortschaft in unser Sichtfeld – eine Kleinstadt. Omar hält uns zur Vorsicht und Wachsamkeit an. “Great danger”, betont er immer wieder. Er wirkt nervös. Es gibt keinen Weg durch das Tal ausser durch diese Stadt.

Wir erreichen die Stadt und reiten langsam durch den Ort, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Auf dem Marktplatz sitzen ein paar Männer – redend und trinkend. Sie beobachten uns – nicht gerade freundlich. Wir lassen den Marktplatz hinter uns und bewegen uns auf der Hauptstraße in Richtung Norden. Langsam aber sicher füllen sich die Straßen. Wir werden angepöbelt und beschimpft und man versucht uns den Weg zu versperren. Als aus den hinteren Reihen ein älterer Mann mit einem Gewehr auftaucht, gibt Omar seinem Pferd die Sporen und vorsichtshalber ein paar Warnschüsse in die Luft ab. Maikurofuto tut es im gleich. Das zeigt Wirkung. Der Mob macht eine Gasse für uns frei. Auch mein Pferd setzt sich in Galopp.

Ich bin kein guter Reiter und die plötzliche Beschleunigung wirft mich aus dem Sattel. Nur mit Mühe kann ich mich festhalten. Der Mob greift nach mir und versucht mich ganz zu Boden zu reissen, doch ich habe Glück und komme unbeschadet durch die wütenden Massen.

Nachdem ich den Stadtrand passiert und ein paar Meter hinter mir gelassen habe, bringt Omar mein Pferd zum stehen. Ich lasse mich hinuntergleiten und beruhige das Tier.

Ich sehe Mahir und Emir, wie sie Henuri-san – einer links, einer rechts – aus der Stadt tragen. Er scheint leicht verletzt und etwas perplex ob der feindseligen Umgebung und eines Sturzes vom Pferd. Ich sitze wieder auf und bereite mich auf einen zügigen Weiterritt vor.

Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie Maikurofuto etwas in Richtung des wilden Mob wirft. Er wird doch nicht etwa… Doch genau dies… Wir sind bereits wieder im Galopp unterwegs, als hinter uns eine Detonation gefolgt von Schmerzensschreien zu hören ist. “Baka! Baka na!”, entfährt es mir.

Wir sehen zu, dass wir den Ort hinter uns lassen und zügig Abstand gewinnen. Omar ist sehr erbost. Er redet wütend und wild gestikulierend auf Maikurofuto ein, ausschließlich in seiner Muttersprache und mit keinem Wort englisch.

Wir reiten bis tief in die Nacht hinein, bis wir schließlich einen geeigneten Rastplatz finden. Aus Angst vor einem Überfall stellen wir Nachtwachen auf. Ich habe Pech. Das Los entscheidet, dass ich die mittlere der drei Schichten übernehme. Alles in allem war dies kein besonders guter Tag.

 


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