Kapitel 20 – 旅支度 (Tabijitaku) – Reisevorbereitungen

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6. Juli 1919

Maikurofuto teilt uns mit, dass er für unsere Reise eine Gruppe Einheimischer rekrutieren konnte, die uns als Führer durch das unbekannte Land begleiten wollten. Heute abend nach Sonnenuntergang wollen wir aufbrechen.

Bereits gestern haben wir über die Reisemöglichkeiten zu unserem Zielort Visoko diskutiert. Das Land, das wir durchqueren müssen, ist politisch labil. Es gibt keine festen Strukturen und diverse Untergrundorganisationen kämpfen um die Vorherrschaft. Die Region ist arm – es gibt nicht einmal eine richtige Währung.

Die Idee, auf den an Bord der Almina Motorrädern zu reisen, wird schnell verworfen. Abgesehen davon, dass das vor uns liegende Gelände nicht gerade für derartige Gefährte geeignet scheint, würden die Fahrzeuge in einer Gegend, um die der Fortschritt bislang einen großen Bogen gemacht hat, viel zu sehr auffallen und uns in Anbetracht der hiesigen politischen und wirtschaftlichen Situation vermutlich mehr Schwierigkeiten als Nutzen bringen. Es wird kurz über die Idee der Anmietung oder des Kaufes eines Packkarrens nachgedacht, doch nachdem wir uns die Luftaufnahmen, die Lorudo-san uns hat zukommen lassen, noch einmal genauer betrachten, wird auch dieser Gedanke als nicht praktikabel erachtet. Das Gelände ist zu unwegsam für einen Wagen. So entscheiden wir uns, den Weg zu Pferde zu bewältigen. So richtig gut gefällt mir das nicht – es ist sicherlich schon zwanzig Jahre her, dass ich zuletzt auf dem Rücken eines Pferdes gesessen habe und ich kann mich erinnern, dass das Tier und ich nicht gerade Freunde wurden – aber ich erkenne die Situation und sehe ein, dass wir keine andere Wahl haben, wenn wir die Strecke nicht erwandern wollen.

Der Concierge des Gurando Berubu empfiehlt uns einen ortsansässigen Pferdehändler. Mare-kun wählt aus der aus elf Tieren bestehenden Herde des Händlers die acht besten aus – fünf Reitpferde und drei Packpferde. Dazu werden noch Sattel- und Zaumzeug sowie Packgestelle ausgesucht.

Als es nun um die Bezahlung geht, glauben wir unseren Ohren nicht zu trauen, als der Händler sage und schreibe 1.000 Britische Pfund verlangt. Als wir bei diesem Preisvorschlag schon beinahe das Gehöft wieder verlassen haben, lenkt der Händler nun doch ein und zeigt sich gesprächsbereit. Henuri-san übernimmt die Verhandlungen, einigt sich schließlich mit dem Händler auf 50 Pfund, was aber für acht zwar robuste aber stammbaumlose Pferde und gebrauchtes Zaum- und Sattelzeug von allenfalls mittelmäßiger Qualität immernoch viel zu teuer ist.

Wir organisieren noch weitere Expeditionsausrüstung und als wir am frühen Abend wieder zu unserem Hotel zurückkehren wollen, hat sich der Hafenvorplatz in einen Exerzierplatz vetwandelt. Zahlreiche junge Männer in Uniform haben sich zum Appell versammelt. “Jutarni Svetli Front” erklärt eine vorbeikommende Einheimische. Ich verstehe lediglich das Wort “Front”, doch dankenswerter Weise übersetzt Henuri-san ”Die helle Front des Morgen”. Nur wenige der Männer sind bewaffnet. Ich erkenne den älteren Herren, mit dem Maikurofuto sich gestern abend unterhalten hat beim inspizieren der Truppen. Vermutlich handelt es sich bei dieser Versammlung um eine britisch unterstützte Miliz, die helfen soll, das Land zu stabilisieren.

Plötzlich ist ein lautes Krachen zu hören. Wenig nördlich der Stadt steigt Rauch auf. Die Ausläufer der Druckwelle sind bis hierher zu spüren. Die Miliz setzt sich augenblicklich in Bewegung.

Nach dem Abendessen bereiten wir unseren Aufbruch vor. Die Straßen sind um diese Uhrzeit fast menschenleer. Das Echo der Pferdehufe auf dem gepflasterten Hafenplatz schallt laut wieder. Der ein oder andere neugierige Blick begleitet uns.

Eine halbe Stunde hinter der Stadt erreichen wir ein Waldstück. Vom Waldrand kommen drei berittene Männer in unsere Richtung. “Die Nacht ist sternenklar”, meint Maikurofuto. Ich bin verwirrt. Der Himmel ist bewölkt und es sind keine Sterne zu sehen. “Die Nacht ist sternenklar”, antwortet derjenige der drei Männer, der der Anführer zu sein scheint. Jetzt verstehe ich, dass es sich bei diesem Satz wohl um eine Erkennungsparole handelt und dass diese drei Männer unsere ortskundigen Begleiter sind. Omar, der Anführer, spricht nur gebrochenes Englisch. Er stellt uns seine Begleiter Mahir und Emir vor und hält uns zur Eile an.


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