Kapitel 2 – 昔馴染 (Mukashi Najimi) – Ein alter Freund

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08. Mai 1919

Ich hänge wie so oft in letzter Zeit meinen Gedanken nach. Es ist wieder einer dieser Tage, an denen ich von Wehmut erfüllt kaum etwas mit mir anfangen kann. Seit meine Schwester vor dreieinhalb Jahren gestorben ist und ich meinen Dienst bei der Marine quittiert habe, hatte es schon einige solcher Tage in meinem Leben gegeben. Ich habe in den letzten drei Jahren alles mögliche versucht, um mich von diesen Gefühlen abzulenken – verschiedene Jobs, die mir alle nichts gaben und die ich eigentlich auch nicht nötig hatte, Frauen, Männer und andere Vergnügungen… All das brachte aber nur kurzzeitig Zerstreuung. Früher oder später kam ich immer wieder an diesen Punkt, an dem mich meine Einsamkeit einholte. Eine Zeit lang konnte ich den Schmerz mit Sake betäuben, aber dann kam die Erkenntnis, dass das auf Dauer keine Lösung, sondern nur eine Flucht ist.

Zu dieser Zeit – das ist jetzt etwa ein Jahr her – begegnete ich Mitsou. Mitsou war Mönch und in einem sehr langen Gespräch öffnete er mir irgendwie die Augen. Er lud mich ein, mit ihm zusammen zu meditieren. Zunächst war ich skeptisch. Mein Denken war zu rational. Was sollte das schon bringen? Doch dann ließ ich mich darauf ein, ließ mich von Mitsous sanften, ruhigen Worten führen und entdeckte tatsächlich etwas in mir, das absolut still war. Ich habe mich seitdem öfter mit Mitsou getroffen, lernte durch ihn neue Wege, die Welt zu betrachten und mir selbst und den Lasten, die ich mit mir herumtrug, weniger Bedeutsamkeit zuzumessen. Trotzdem gab es immer noch Momente wie diesen, in denen mein Leben mir als sinnlos erschien. Und tatsächlich wußte ich nicht wirklich, was ich mit meinem Leben als Zivilist anstellen sollte. Die Gesellschaft erwartet von mir auch weiterhin, dass ich meinen Beitrag zur Mehrung des Ruhmes der Nation leiste, aber das Feuer der nationalistischen Begeisterung in mir ist längst erloschen. Ich habe Probleme, mich den Konformitätszwängen, die fast überall herrschen, zu unterwerfen und ecke dadurch immer wieder bei anderen an. Immer öfter habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht mehr richtig hierher gehöre. Vielleicht sollte ich selbst auch Mönch werden, überlege ich, und mich in ein Kloster zurückziehen. Es ist nicht das erste Mal, dass mir dieser Gedanke kommt.Es läutet. Erschrocken springe ich auf. Was war das für ein Geräusch? Nach ein paar Sekunden fällt mir ein, dass es die Türglocke war. Sie läutet so selten, dass ich schon vergessen hatte, wie sie klingt. Eigentlich habe ich gar keine Lust, aufzustehen, doch dann raffe ich mich doch auf, gehe die Treppen hinunter und öffne die Tür. Vor mir steht Colonel Winterbottom.

„Maikurofuto!“, rufe ich überrascht. Er ist tatsächlich meiner Einladung gefolgt. Der Colonel sieht blass aus und wirkt ziemlich neben sich, als wisse er nicht, wer und wo er sei. Ich freue mich ehrlich über seinen Besuch, doch frage ich mich, was ihm widerfahren ist, dass es ihn so sehr aus der Bahn geworfen hat.

Wir lassen uns in meinem Garten bei Tee und Sake nieder. Maikurofuto stellt mir seltsame Fragen – ob ich seinen Namen wüßte, welches Datum wir hätten, ob ich mich daran erinnere, dass wir uns vor ein paar Tagen getroffen hätten… Diese Fragen irritieren mich, aber ich beantworte sie ihm und Maikurofuto beginnt sich nach und nach zu beruhigen. Was denn passiert sei, möchte ich wissen. Aber Maikurofuto winkt ab. Das sei eine lange und viel zu komplizierte Geschichte.

Wir sitzen noch einige Stunden zusammen, reden über alte Zeiten und berichten einander Geschichten aus unseren Leben. Zwischendrin liefern wir uns auch einen kleinen Trainingskampf. Es ist schon erstaunlich. Wir haben uns fast zwanzig Jahre nicht gesehen und trotzdem verstehen wir uns wie alte Freunde. Es zählt eben doch, wenn man einander gegenseitig m Kampf um Leben und Tod den Rücken freigehalten hatte – oder es ist tatsächlich so etwas wie eine karmische Verbindung über mehrere Lebenszyklen hinweg. Schon damals waren wir mehr, als einfach nur Kameraden.

Bevor Maikurofuto sich am späten Nachmittag verabschiedet, erinnert er mich an ein altes Versprechen. Bevor unsere Einheiten damals in China abgezogen wurden und sich unsere Wege wieder trennten, hatte wir uns versprochen, uns irgendwann einmal in der jeweiligen Heimat des anderen zu besuchen. Er habe seinen Teil der Abmachung erfüllt, jetzt sei es an mir. Er bietet mir an, direkt mit ihm und seinen Begleitern mit nach Europa zu kommen. Es könne sofort losgehen. Das sei jetzt etwas zu spontan, werfe ich ein. Europa liegt ja nun nicht gerade mal eben um die Ecke. Ein paar Tage brauche ich schon noch, um ein paar Angelegenheiten zu regeln. In vier Tagen habe ich Geburtstag, sage ich, danach könnten wir abreisen. Ich lade bei dieser Gelegenheit auch Maikurofuto ein. Gerne könne er seine Reisebegleiter mitbringen.

Europa… Warum eigentlich nicht? Hier in meinem eigenen Land fällt mir sprichwörtlich die Decke auf den Kopf. Japan ist kontinuierlich dabei, seinen Einfluss in der Welt zu vergrößern, ich selbst hingegen fühle mich eingeengt und unverstanden. Wenn ich es recht bedenke, ist unsere Nation irgendwie schizophren. Einerseits berufen wir uns auf nationale Werte und Ideale, anderseits schaffen wir unsere eigene kulturelle Identität Stück für Stück ab und ersetzen sie durch europäische Vorbilder.

Wie auch immer – ich habe jetzt die Gelegenheit, dieses „Europa“ selbst einmal direkt und ungefiltert kennen zu lernen. Vielleicht brachte mir diese Reise neue Erkenntnisse und Inspiration? Irgendetwas in mir sagt mir, dass mehr dahinter steckt, das diese Reise mehr sein wird, als nur ein einfacher Urlaubsausflug.


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