Kapitel 2 – 対話 (Taiwa) – Gespräche

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28. August 1919

Meine Therapie verläuft gut. David-san ist guter Dinge, dass ich bald wieder auf den Beinen sein werde. Meinen verwirrten Zustand erklärt er mit einem Kulturschock, aber ich habe den Eindruck, dass meine Geschichten von außerkörperlichen Erfahrungen auf dem Balkan und Astralreisen etwas überfordern. Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass all die seltsamen Begebenheiten bei den bosnischen Pyramiden tatsächlich passiert sind. Auch meine Freunde erinnern sich daran, also muss es stimmen – oder wir leiden alle an den gleichen kollektiven Wahnvorstellungen. „In der Tat, eine hochinteressante Überlegung, Mr. Okumura“, sagt er darauf. Er hält soetwas wie „Bewußtseinsverschmelzung“ durchaus für im Bereich des Möglichen.

Dennoch möchte er tiefer in mein Seelenleben eintauchen und befragt mich über mein Leben in Japan. Offen erzähle ich ihm, dass ich mich dort ziemlich ziel- und orientierungslos gefühlt hatte, nachdem ich den Militärdienst quittierte. Ich berichte von meinen erfolglosen Versuchen, mein Leben irgendwie mit Sinn zu füllen und davon, wie sehr mich Japan enttäuscht hatte und wie mich die äußeren Zwänge in meinem Heimatland zu erdrücken drohten. Erst, als mein alter und guter Freund Maikurofuto – womöglich durch eine schicksalhafte Fügung – meinen Weg kreuzte und mir mit seiner Einladung nach England neue Perspektiven eröffnete, sah ich wieder das Licht am Ende des Tunnels.

Was meine Pläne für die Zukunft seien, möchte David-san wissen. Ich lasse ihn an meinen Gedanken, mich hier in England niederzulassen, teilhaben. David-san hält das für eine gute Idee. Nachdem, was er bisher über mich erfahren hat, scheint ein Neuanfang in einem anderen Land – insbesondere da ich ja hier bereits angefangen hätte, Fuss zu fassen und Freundschaften zu schließen – ein guter Ansatz.

„Machen Sie weiter so, Mr. Okumura“, rät er mir aufrichtig, „Sie sind auf dem richtigen Weg.“ Er macht noch ein paar Notizen in sein Buch und wünscht mir viel Erfolg bei meinen Plänen. „Wir sehen uns dann nächste Woche.“

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