Kapitel 19 – 蟹烏賊 (Kani ika) – Krabbenkrake

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5. Juli 1919

Planmäßig erreichen wir den Hafen von Split am frühen Abend. Senchō regelt die Einreiseformalitäten und wir können nach kurzer Zeit an Land gehen. Die Einreise wird uns allerdings nur unter der Bedingung gewährt, dass wir die Nacht nicht an Bord der Almina sondern in einem örtlichen Hotel verbringen. Offensichtlich will man hier vom Wohlstand des Britischen Königreiches profitieren…

Wir folgen der Empfehlung des Hafenmeisters und checken im besten Hotel am Ort, im Grand Bellevuem, ein.

Beim Einchecken wird uns ein besonderes kulinarisches Erlebnis, welches nur einmal im Jahr und zufällig am heutigen Abend stattfindet, empfohlen. Diese Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen und reservieren einen Tisch.

Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, begeben wir uns in den Speisesaal. Die Kapelle spielt Salonmusik und die Tische im Saal sind bereits fast bis auf den letzten Platz besetzt. Es wird Krim-Sekt – ein leicht alkoholisches, sprudelndes Getränk – eingeschenkt.

Dann spielt die Kapelle einen Tusch und unter dem staunenden Raunen der Anwesenden wird auf einen Servierwagen der “Ehrengast” des heutigen Abends hineingefahren und präsentiert. Das, was dort zu sehen ist, sieht aus wie eine Königskrabbe, die einen Tintenfisch verschlingt oder umgekehrt – so genau lässt sich das nicht erkennen.

Der Koch spaltet mit einer speziellen Zange den Panzer der Krabbe und aus deren Innern purzeln zahlreiche kleine Fische heraus. Diese werden als erster Gang serviert und erst jetzt sehe ich, dass es sich bei den Fischen um Doppelfische handelt – ein größerer Fisch steckt in einem kleineren. Es ist mir ein Rätsel, wie diese Verbindung zustande kommen konnte, ich finde dies aber durchaus spannend.

Nachdem die Fische verteilt sind, wird das Krabbenfleisch und Tintenfischringe gereicht. Für meinen Geschmack wurde das Fleisch vielleicht eine Kleinigkeit zu lange gegart, doch über dieses kleine Manko kann ich ob der vorzüglichen Würzung des spektakulären Gerichtes hinwegsehen. Meinen Freunde scheint es nicht so gut zu schmecken. Beruni-sans Gesicht wird sogar von einer offensichtlichen Blässe befallen. Er entschuldigt sich höflich – noch bevor er auch nur einen Bissen zu sich genommen hat – und verschwindet dann für eine ganze Weile aus dem Speisesaal.

Nachdem das Mahl restlos seinen Weg auf die Teller und in die Mägen der Gäste gefunden hat, wird der Servierwagen aus dem Saal gefahren. Der Koch erkundigt sich persönlich an jedem Tisch, ob es denn geschmeckt habe und erntet reichlich Anerkennung für sein Werk. Als er an unseren Tisch kommt, erkundigen wir uns – voll des (teils ehrlichen, teils höflichen) Lobes – nach der Herkunft und der Geschichte dieses aussergewöhnlichen Mahls. Chorishi-san [Herr Küchenmeister] erklärt uns, dass diese Spezialität das Ergebnis eines besonderen Naturereignisses sei. Einmal im Jahr, erklärt er, kommt es zu einer Art Selbstmordfressen. Die Weibchen einer Tiefseefischart, deren Namen ich mir leider nicht merken konnte, kommen in dieser Nacht in großen Schwärmen zum Laichen in die oberen Gewässerschichten, und fallen, um ihren Energiebedarf zu decken, wahllos über alles her, was sie zwischen die Zähne bekommen und schlingen ihre Beute an einem Stück herunter – oft auch Fische, die ihre eigene Größe übertreffen und sie innerlich zerfetzen. Durch diese Masse an Nahrung werden auch andere Jäger angelockt, wie die Krabbe, die sich über die Fische hermacht um ihrerseits von einem Tintenfisch als Beute auserkoren zu werden. Dieser wiederum landete nun auf unseren Tellern. Eine hervorragende Demonstration des Prinzips der Nahrungskette.

Ich plaudere noch ein wenig mit Chorishi-san, hätte gerne noch etwas länger Fachsimpeleien mit ihm ausgetauscht, aber die Pflicht ruft, entschuldigt er sich. Maikurofuto hat sich mittlerweile an einen anderen Tisch begeben und unterhält sich angeregt mit einem älteren Herren – vielleicht ein alter Kriegskamerad?

Ich beschließe noch einmal an die frische Luft zu gehen, dem Wind und dem Meer zu lauschen und die Ruhe zu genießen. Irgendeine innere Stimme sagt mir, dass es bald vorbei sein wird mit dieser…


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