Kapitel 16 – 質問 (Shitsumon) – Fragen

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29. Juni 1919

Wir werden beim Frühstück unterbrochen. Ein gewisser Sergeant Bond – ich schätze er ist keine dreißig Jahre alt, auf jedem Fall deutlich zu jung für jemanden dieses Ranges – von der Royal Navy wünscht den Kapitän der Almina zu sprechen. Der Senchō ist gerade nicht zugegen, aber wir erklären uns bereit, ihm nach besten Wissen Rede und Antwort zu stehen.

Er berichtet, dass am 19. Mai ein Notruf der Almina aus dem Indischen Ozean aufgefangen wurde. Zwei Tage später wurde von eben diesem Schiff ein Wetterbericht im Nordatlantik angefordert. Der Sergeant bittet um eine Erklärung dieses Phänomens. Maikurofuto spricht von einem “Norwegischen Scherz”. Ich verstehe nicht ganz, was er damit meint und auch Sergeant Bond scheint das nicht witzig zu finden. Anstatt dem Sergeant einfach zu sagen, dass wir selbst nicht wissen, wie das passiert ist, versucht Maikurofuto von den Fragen abzulenken und beginnt einen ausschweifenden Vortrag über den Auftrag zu halten, der ihn und seine Begleiter nach Japan geführt hatte.

Doch Bond lässt sich nicht beirren. Er fordert die Passagierliste der Almina und verabschiedet sich mit den Worten: “Wir gehen der Sache weiter nach.”

Wenig später – ich habe mein Frühstück noch nicht beendet – gesellen sich zwei Gäste oder Patienten des Highclere Castle (Edwin Simmons und Paul McBorough) zu mir und bedrängen mich mit Fragen zu meiner Heimat.

Komischer Weise ist es mir in den letzten Tagen häufiger passiert, dass mich völlig Fremde ansprachen und sich über die Kultur und das Leben in Japan erkundigten. Obwohl ich eigentlich gar keine Lust auf eine Unterhaltung verspüre, bleibe ich höflich und beantworte geduldig ihre Fragen. Ich schlage Ihnen schließlich vor, Japan doch einmal einen Besuch abzustatten, wenn sie das Land wirklich kennenlernen wollten. Die beiden finden Gefallen an dieser Idee und beginnen nun – zu meiner Erleichterung – ein angeregtes Gespräch untereinander.

Ich schenke mir Tee nach und lasse mich von Maikurofuto zu einer Diskussion über Waffentechnik hinreissen. Dabei vergessen wir beinahe die heutige Gesprächsrunde. Etwas verspätet kommen wir in der Runde an. Neben Mari-chan, Mare-kun und Henuri-san sind auch Edwin und Paul sowie noch ein paar weitere Patienten in der heutigen Gruppe zugegen. Die Stimmung ist gelöst. Edwin und Paul berichten von ihren Zukunftsplänen. Sie wollen tatsächlich nach Japan reisen. Der Aoki Gahara sei ihr Ziel, sagen sie.

David-san ist begeistert. Er bekräftigt die beiden in ihrem Vorhaben und erklärt Edwin und Paul für geheilt. Ich verstehe nicht, wie er zu diesem Entschluss kommt. Als er kurz nach draussen geht, um die Entlassungspapiere zu holen, fange ich ihn ab und versuche ihm zu erklären, dass das Ziel Aoki Gahara vielleicht nicht gerade ein Indiz für einen gesunden Geist sei und kläre ihn kurz über die düsteren Selbstmord-Legenden, die sich um das Baummeer am Fusse des Fujisan ranken, auf. Er tut meine Bedenken mit den Worten “Das sind doch nur Geschichten” ab. Ich zucke mit den Schultern und belasse es dabei. Er ist der Therapeut und es sind seine Patienten. Ich gehe zurück in den Gesprächsraum und nehme wieder Platz.

Beim Mittagessen: die britische Küche trifft nicht so ganz meinen Geschmack, daher habe ich mein eigenes Essen dabei. Ich bemerke Mari-chans neidische Blicke. Ich schmunzle und teile selbstverständlich gerne mein Bento mit meiner Angebeteten. Wir besprechen die Abreise nach Split, die morgen stattfinden soll. Es wird überlegt, einen Therapeuten mit auf die Reise zu nehmen. Maikurofuto macht sich ersthafte Sorgen um Lorudo-sans Geisteszustand. Mari-chan merkt an, dass sie nicht mit uns kommen und sich lieber der Stabislisierung ihrer geistigen Gesundheit auf Highclere Castle widmen wolle. Ich bin zwar etwas traurig über ihre Entscheidung, aber wahrscheinlich hat sie recht und etwas mehr Ruhe und Abstand könnten ihr gut tun. Es sind nicht nur die Albträume von ihrem Pferd „Aldebaran“, das sie offenbar sehr geliebt hat und das unter dramatischen Umständen ums Leben gekommen sein muss, die der Ärmsten zu schaffen machen. Aus irgendeinem Grund fürchtet sich Mari-chan vor allem was wirbelnde Kreise zieht – sei es nun eine kleine Windhose oder ein Kleid, das sich im Tanze dreht – es versetzt sie in Panik.


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