Kapitel 12 – 精神療法 (Seishin-Ryoho) – Seelenheilung

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19. Juni 1919

Ich nehme seit ein paar Tagen rein Interesse halber an einer Veranstaltung teil, die “Gesprächstherapie” genannt wird. Die Teilnehmer dieser in England scheinbar recht populären Form der Zusammenkunft erzählen sich Erlebnisse aus ihrem Dasein – meist gehen diese mit tragischen oder traumatisierenden Erfahrungen einher. Ich habe mir erklären lassen, dass diese Form von Gesprächen den Teilnehmenden bei der (Wieder)Erlangung ihrer psychischen Gesundheit helfen soll. Highclere Castle ist – wie ich erfahren habe – nicht einfach nur ein Gästehaus, sondern vielmehr auch ein Hospital. Lady Carnarvon – Lorudo-sans Gemahlin – hatte das Schloss vor fünf Jahren in ein Sanatorium umwandeln lassen, wo heimkehrende Soldaten aus Flandern im Krieg gegen die Deutschen physische und psychische Genesung erfahren konnten.

Ich habe mir in den vergangenen Tagen mit Staunen die Geschichten meiner Reisegefährten angehört. Unglaubliches wissen sie zu berichten und ich bin mir nicht sicher, was davon tatsächlich und was nur in der Phantasie der Beteiligten geschehen ist. Besonders gerne höre ich Mari-chans bildreichen Geschichten zu, die sie oft heftig gestikulierend vorträgt.

Heute nun fragte mich David-san, der Gesprächsleiter unserer Gruppe, ob ich nicht auch etwas berichten wolle. Ich bin etwas überrascht ob dieser Bitte, doch ja, ich habe etwas zu berichten, das in diese Runde passt.

Ich erzähle von meiner kleinen Schwester Kikyo, von unsere Kindheit und Jugend, von ihrer Anmut, ihrer Bescheidenheit, ihrem ständigen Lächeln und von dem Mann, der ihr dieses Lächeln eines Tages nehmen sollte. Als ich Ishida Ryu zum ersten Mal begegnete, hatte ich gleich das Gefühl, dass er kein Mann war, auf den man sich verlassen konnte. Doch Kikyo liebte ihn und war taub für meine Bedenken, die auch mein Vater und mein Bruder teilten. Kikyo heiratete diesen Mann schließlich und gebar ihm einen gesunden Sohn. Und dann geschah, was wir alle befürchtet hatte. Vier Jahre nach der Geburt ihres Kindes verschwand Ishida Ryu ohne ein Wort der Erklärung aus dem Leben seiner Frau und seines Sohnes. Bis heute wissen wir nicht, wo er geblieben ist oder ob er überhaupt noch am Leben ist. Wenn er noch lebt, sollte er bei allem was heilig ist, vermeiden, mir zu begegnen. Wenn mir dieser Kerl jemals wieder unter die Augen kommt, kann ich für seine Unversehrtheit nicht garantieren.

Kikyo gab ihr Bestes, um sich den Schmerz über diesen Verrat nicht anmerken zu lassen, doch innerlich muss es sie zerissen haben. Zwei Jahre lang ertrug sie diese Pein. Wenn ich auf Landurlaub nach Mito zurückkehrte, weinte sie sich manche Nacht an meiner Schulter aus.

Wir kreuzten mit der Kirishima, einem der neuesten Schmuckstücke der Kaiserlich Japanischen Marine, im Ostchinesischen Meer mit Kurs auf die Koreastraße, als mich die Nachricht erreichte, das Kikyo schwer erkrankt sei und dass ich doch bitte baldmöglichst nach Hause kommen möge. Das war Ende November 1915. Ich schrieb meiner Familie, dass ich zum Jahreswechsel Landurlaub bekommen sollte. Als ich aber am 29. Dezember in Mito ankam, war es bereits zu spät. Kikyo war sechs Tage zuvor gestorben.

Diese Nachricht traf mich wie ein Schlag. Ich hatte nicht geahnt, dass es Kikyo so schlecht gegangen war. Jetzt bereute ich, dass ich das Angebot meines Kapitäns Shima Takeshi, meinen Urlaub zehn Tage früher als geplant anzutreten, ausgeschlagen hatte und mich dadurch der Möglichkeit beraubt hatte, mich von meiner Schwester zu verabschieden. Yukio berichtete mir, dass Kikyo schon im April krank geworden war. Die Ärzte waren ratlos. Sie konnten keine klare Ursache für Kikyos Leiden ausmachen, verschrieben ihr nur Medikamente, um ihre physischen Schmerzen zu lindern, wussten aber nicht, was sie tun sollten, um sie zu heilen. Meine Familie hatte bereits damals versucht, mich über den Zustand meiner Schwester zu informieren, aber die Nachricht hatte mich nicht erreicht.

Während ich so erzähle fühle ich mich zurückversetzt an diesen Tag, den 29. Dezember 1915. Ich war damals nicht in der Lage gewesen, irgendetwas zu empfinden. Jetzt stürzten meine Gefühle auf mich ein.

Trauer, Wut, Schuld… Ich kann nicht weiter sprechen. Mein Hals ist trocken, meine Kehle wie zugeschnürt. Ich bin froh, als David-san die heutige Sitzung für beendet erklärt, nicht ohne mir dabei noch ein Gespräch unter vier Augen nahe zu legen.


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