Kapitel 11 – 観劇会 (Kangekikai) – Theaterabend

ryleh

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25. Oktober 1919

Ich genieße die Ruhe in meinem Haus. Tetsuya hat sich in sein Zimmer zurück gezogen, um dort an seiner Promotionsarbeit zu schreiben. Zum Mittag kommt er nach unten und wir essen gemeinsam. Ich frage ihn, ob er in den nächsten Tagen viel zu tun hätte oder ob seine Zeit eventuell einen Nebenjob als Übersetzer und Reiseleiter für eine europäische Forschungsgruppe hergäbe. Ein paar Tage könne er das schon machen, antwortet er, und ein paar Yen extra könne er gut gebrauchen. Ich bin erleichtert und erkläre ihm die Umstände für dieses ungewöhnliche Angebot. Ich müsste noch ein paar Dinge für meinen Umzug regeln und könne meinen Gästen nicht die ganze Zeit als Berater in Sachen Landeskunde zur Verfügung stehen. Dass ich mich mit Plänen trage, für eine längere Zeit in England zu leben, war Tetsuya nicht entgangen – ein Großteil der telegraphischen Kommunikation in den vergangenen Tagen war über Yukios Büro gelaufen – doch Tetsuyas ausgesprochene Höflichkeit gebot ihm, das Thema nicht von selbst anzusprechen.

In der Tageszeitung entdecke ich einen Beitrag über das Kabuki-Stück „Kitsunegari“, das aktuell im Kabuki-za in Ginza gastiert. Es handelt sich um ein zeitgenössisches Stück. Um 20:00 beginnt die Vorstellung. Der Titel bedeutet übersetzt soviel wie „Fuchsjagd“.

Ich bin erstaunt, als ein Auto vorfährt, um uns dorthin zu bringen – es ist das gleiche Fahrzeug, das uns gestern von Shibuya-eki nach Okumura-tachi gebracht hat. Maikurofuto grinst triumphierend. Er hat es tatsächlich geschafft, den Chauffeur auf Abruf für die Zeit unseres Aufenthaltes in Tōkyō zu engagieren. Ein gewisser Hang zum Dekadenten lässt sich den Engländern – insbesondere meinen Freunden – einfach nicht absprechen.

Wir kommen rechtzeitig am Theater an und können eine Loge für uns buchen. Das Stück erzählt die Geschichte zweier Brüder – Yoshimitsu, der ältere, soll Shogun werden, der jüngere, Yoshisugu, macht, getrieben von Eifersucht einen großen Fehler und befreit einen bösen Fuchsgeist, der ihm in Gestalt einer schönen Frau erscheint und ihm helfen will, selbst an die Macht zu kommen. Dabei kommt ein Schwert zum Einsatz, mit welchem sich Yoshisugu eine Wunde zufügt, um mit seinem Blut das Befreiungsritual für den Fuchsgeist vollziehen zu können. Ich gebe meinen Gästen während des Stückes immer wieder ein paar Erklärungen zum Geschehen auf der Bühne, damit sie der Geschichte auch folgen können.

Yoshisugu wird im Laufe der Geschichte selbst zu einem bösen Menschen und nimmt den Fehltritt einer Hausdienerin, bei dem Geschirr zu Bruch geht, als Anlass, das Mädchen in einen Brunnen zu stoßen und zu töten. In einem Traum wird ihm das Ausmaß seines Handelns bewusst und er erkennt, wer die Frau an seiner Seite wirklich ist. In Reue sucht er einen Priester auf, der ihm einen Verbannungszauber gibt. „Gefangen sollst du sein auf ewig in deinem kalten Grab im Meer der Bäume“ lautet der Bannspruch.

Yoshisugu versucht nun seinen Fehler wieder gut zu machen und den Fuchsgeist aus seinem Haus zu vertreiben. In einem Streitgespräch stellt er klar, dass er von seinem Vertrag zurücktreten wolle, was sie mit hämischem Gespött beantwortet. Der junge Adlige wird daraufhin sehr wütend und greift die Füchsin, die nun langsam aber sicher ihre wahre Gestalt Preis gibt, mit seinem Schwert an. Das macht ihr aber nichts aus. Sie bricht in ein triumphierendes Gelächter aus. Nun endlich kommt der Bannzauber zum Einsatz. Yoshisugu heftet das verzauberte Pergament auf den Fuchs und spricht die Zauberformel. Hinter der Bühne wird ein Vorhang herab gelassen, auf dem ein großer Wald zu sehen ist. Im Hintergrund trohnt majestätisch der Fuji.

Mit einem markerschütternden Schrei wird die Füchsin hinter den Vorhang gezogen. Yoshisugu bleibt zurück. In einenas Katana in den Brunnen, in den er einige Szenen zuvor das unglückliche Mädchen gestoßen hatte und entschwindet dann selbst hinter dem Vorhang, auf dem offenbar der Jukai – das Meer der Bäume – Aokigahara gezeigt wird. Ein Sprecher erzählt, dass Yoshisugu nie wieder aus dem Wald zurückkehrte.

Ich bin sehr beeindruckt. Das Stück hat mich tief bewegt. Auch finde ich interessant, wie es der Regisseur und Autor geschafft hat, verschiedene Geschichten und Legenden aus unserer Mythologie sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

Auf dem Heimweg fragt mich Henuri-san, was eigentlich „Haruka-san“ bedeutet. Es war ihm und auch den anderen nicht entgangen, das Tetsuya mich so nennt. Ich muss ein bisschen schmunzeln. Haruka, sage ich, bedeutet soviel wie „weit fort“. Das sei der Vorname, den mir meine Eltern gegeben hätten. Der Name Sanjūrō erkläre ich, sei mir während meiner Armeezeit gewissermaßen verliehen worden – dass war zu jener Zeit, als ich Maikurofuto getroffen habe. Es bedeutet soviel wie „Mann um die Dreißig“.  Spöttisch fragt mich Senchō, wie man „Mann um die Vierzig“ sagen würde, aber das verrate ich ihm lieber nicht.

 

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