Kapitel 11 – 茶の湯 (Cha no yu) – Heisses Wasser für Tee

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6. Juni 1919

Als ich beim Frühstück eine Bemerkung über die komische Art der Engländer ihren Tee zu bereiten und zu trinken fallen lasse (man stelle sich vor: sie gießen Milch in ihren Tee und das schmeckt ihnen auch noch…), schlägt Lorudo-san mir vor, den Nachmittagstee nach der Tradition meines Landes zu bereiten und zu kredenzen. Ich überlege einen Moment. Ich erinnere mich noch gut an die Teezeremonien, die Okaasan [jap.: Mutter] des öfteren geleitet hat. Sie hatte sich dem Chado [Der Weg des Tee] mit voller Hingabe gewidmet. Otōsan hatte in unserem Garten extra für sie ein Teehaus errichten lassen. Mindestens einmal im Monat lud Okaasan Gäste zum Tee zu uns ein. Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich das erste Mal auch an so einem Treffen teilnehmen.

Okaasans Teezeremonien hatten mir eigentlich immer sehr gut gefallen, aber durch meinen Dienst in der Armee und bei der Marine verlor ich über die Zeit den Bezug dazu.

Ich erkläre Lorudo-san, dass es bei der zeremoniellen Darbringung des Tees nicht in erster Linie um den Genuss ginge sondern vielmehr um das gemeinschaftliche Erlangen einer inneren Ruhe. Auch gebe ich zu Bedenken, dass ich dem Weg des Tees nicht aktiv folge und damit wahrscheinlich auch kein guter Zeremonienleiter wäre. Mit einer Anspielung auf meine jüngsten kulinarischen Experimente – die wohl im Großen und Ganzen den Gaumen der Verkostenden zu schmeicheln schienen – meint Lorudo-san, dass es für mich doch wohl ein Leichtes sein sollte, Tee zu kochen.

Ich willige schließlich in den Vorschlag ein und frage nach einem geeigneten Raum. Lorudo-san schlägt die Bibliothek vor. Ausser Lorudo-san wollen auch Maikurofuto, Henuri-san, Mare-kun, Mari-chan und Senchō heute Nachmittag meine Teegäste sein. Ich sage Ihnen, dass ich sie zu halb fünf in der Bibliothek erwarten werde und lege ihnen nahe, zuvor einen Spaziergang durch den Park des Highclere Castle zu unternehmen um den Kopf frei zu bekommen.

Ich widme mich nun den Rest des Vormittages der Vorbereitung der nachmittäglichen Teestunde und bereite ein paar leichte Speisen und Süßigkeiten als Beilagen zum Tee vor. Nach dem Mittagessen gönne ich mir etwas Ruhe und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Gegen drei Uhr dreißig beginne ich, den “Teeraum” vorzubereiten.

Meine Teegäste erscheinen pünktlich um halb fünf. Wie wir es zuvor besprochen hatten, reinigen sie sich Mund und Hände mit dem Wasser aus der dafür bereitgestellten Schüssel und treten dann nacheinander hinter den Paravent, welcher den “Teeraum” teilweise vom Rest der Bibliothek trennt. Als alle Gäste eingetreten sind und auf den Sitzkissen Platz genommen haben, beginne ich mit der Bereitung des Tees. Ich halte mich dabei so gut ich mich erinnern kann an die Abläufe, die ich bei Okaasan gesehen habe und ich denke, ich habe mich dabei gar nicht so schlecht angestellt.

Der Tee wird schweigend getrunken. Ich bemerke, wie sich an der offenen Seite des “Teeraums” einige Leute versammeln und interessiert und respektvoll staunend unser Treiben beobachten. Im Laufe der Zeremonie wächst die Zahl der Neugierigen auf ca. dreißig an. Ich hätte nicht erwartet, dass die Kultur meines Landes sich in Groß Britannien so großen Interesses erfreut.


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