Kapitel 10 – 早起き (Hayaoki) – Frühes Aufstehen

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25. Oktober 1919

„Ring Ring…. Ring Ring…“
Unsanft werde ich vom hartnäckigen Läuten des Telefons geweckt.
„Hallo?“, sage ich, als ich den Hörer abgehoben habe.
„Guten Morgen, Bruderherz“, schallt es mir fröhlich von der anderen Seite der Leitung entgegen.

„Morgen, Bruder“, gebe ich verkatert zurück. Es blieb gestern abend nicht bei dem einen Gin. Nach dem sechsten Glas habe ich aufgehört, zu zählen und später kam auch noch Sake hinzu. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich in mein Bett gekommen bin. Das letzte Mal, dass ich derart böse abgestürzt bin, liegt schon ein paar Jahre zurück.

Yukio ahnt schon, was mit mir los ist, und kann es nicht lassen, ein paar belehrende Spitzen in meine Richtung zu verteilen. ‚Danke, Yukio, das ist genau das, was ich jetzt brauche‘, denke ich in einem Anflug von Zynismus, aber ich kenne meinen Bruder gar nicht anders. Es ist seine Art, mir zu zeigen, dass er um mich bemüht ist. Als Kind hat er immer auf mich aufpassen und mich beschützen wollen, meistens lief es aber darauf hinaus, dass ich ihm am Ende aus irgendeiner Patsche helfen musste. Ich glaube, das macht ihm bis heute noch manchmal zu schaffen. Wenn ich dann selbst mal in Schwierigkeiten geriet, war er selten in der Lage mir beizustehen. Ich hätte es auch nicht zugelassen – ich war ein zu stolzer kleiner Junge. Wir hatten als Kinder oft Streit miteinander, aber in einer Sache waren wir uns stets einig: wenn es um unsere kleine Schwester ging.

Yukio fragt mich nach einigem Smalltalk, wie lange ich in Japan bleiben werde. „Mindestens zwei Wochen“, antworte ich. Ob wir uns am Montag zum Essen verabreden könnten, fragt er weiter. „Wieso erst Montag?“, will ich wissen und Yukio erklärt mir, dass er für über das Wochenende einen Ausflug mit seiner Familie geplant hätte. Sie wollen nach Nikko fahren. „Du kannst uns ja begleiten“, schlägt er vor, „Tsuki würde sich bestimmt freuen.“ „Das geht leider nicht, ich habe Gäste“, bedaure ich. Ich wäre wirklich gerne mitgefahren. So aber wünsche ich ihm und seinen Lieben viel Spass und eine gute Reise, lasse Grüße an Tsuki ausrichten und wir verabreden uns für Montag abend, 18:00, in einem gehobeneren Restaurant im Minato-Bezirk.

Nun komme ich auch endlich mal dazu, auf die Uhr zu schauen. Es ist gerade einmal halb Sieben. Ausser mir ist bis jetzt nur Tetsuya auf den Beinen. Ich treffe ihn in der Küche, wo er eifrig damit beschäftigt ist, ein Frühstück vorzubereiten.

„Guten Morgen, Haruka-san“, begrüßt er mich. „Guten Morgen“, antworte ich, „und gewöhn dir endlich diese Förmlichkeiten mir gegenüber ab.“ Tetsuya lächelt verlegen. Es war schon schwer genug für ihn, sich zu überwinden, mich mit meinem Vornamen anzusprechen. Auf die förmliche Anrede „san“ zu verzichten, ist jetzt wohl noch etwas zu viel für ihn.

Ich biete ihm meine Hilfe bei der Bereitung des Frühstücks an und verspüre spontan Lust auf das dunkelbraune Gebräu aus zerstoßenen, gerösteten Bohnen, das ich auf dem Balkan kennen gelernt habe. Mein Aufenthalt dort hat offenbar seine Spuren an mir hinterlassen…

„Haben wir eigentlich Kaffee“, frage ich meinen Mitbewohner. Tetsuya sieht mich an, als hätte er ein Gespenst gesehen. „Kaffee?“, fragt er ungläubig. Ich frage ihn, ob er dieses Getränk schon einmal probiert hätte, was er verneint. Dann sei es wohl Zeit für etwas Neues, meine ich zu ihm und knete weiter Reisbällchen.

Irgendwann kommen auch meine Gäste aus ihren Schlafzimmern. Den Damen steht der Sinn nach einem Einkaufsbummel. In Shibuya gibt es so ziemlich alles zu kaufen, was man sich vorstellen kann. Traditionelles, Modernes, Exotisches… Ich nenne meinen Freunden ein paar Adressen, an denen sie fündig werden können. Ich für meinen Teil gehe nach dem Frühstück in ein Sentō und besorge auf dem Weg zurück Kaffee.

 

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