Kapitel 1 – 足利氏と狐 (Ashikaga-shi to Kitsune) – Der Fuchs und der Ashikaga-Klan

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15. August 1919

Vor unserer Abreise aus Japan vor drei Monaten hatte Maikurofuto mir eine von Mare-kun angefertigte Zeichnung übergeben. Die Skizze zeigte laut seiner Aussage die Gravuren eines Schwertes, das er im Aokigahara gefunden hatte und das ihm auf mysteriöse Art und Weise abhanden gekommen war. Ich hatte meinen Bruder Yukio, seines Zeichens Professor für Geschichte an der Kaiserlich Japanischen Universität in Tokyō, gebeten, Nachforschungen zu diesen Zeichen anzustellen, deren Ergebnisse uns womöglich Hinweise auf die Herkunft des Schwertes liefern konnten.

Yukio bestätigt in seinem Brief meine Vermutung, dass eines der Zeichen das Familiensiegel des Ashikaga-Klans zeigt, ein altes Geschlecht des japanischen Kriegsadels, dass im Jahre 1336 an die Macht kam und das Ashikaga-Shogunat begründete. Dieses herrschte – mehr schlecht als recht – von Kyoto aus, bis im Jahre 1573, in der Zeit der streitenden Staaten, Yoshiaki – der 15. und letzte Shogun der Ashikaga-Linie – von dem legendären Feldherrn Oda Nobunaga aus der Hauptstadt vertrieben wurde. Die Vereinigung der zersplitterten Kleinstaaten Japans, die unter Odas Feldzügen begann, läuteten das Edo-Zeitalter ein.

Der zweite Teil der Skizze zeigt einen japanischen Schriftzug. Mare-kun hatte die Zeichen aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, aber vier der fünf Kanji auf dem Papier machen überahupt keinen Sinn. Eines der Zeichen ähnelt aber den Kanji „Kitsune“. Das bedeutet im üblichen Sinne Fuchs, kann aber auch eine unaufrichtige Person oder einen Verräter beschreiben. Je nach Kontext und weiterer Zeichen kann es auch „Irrlicht“ bedeuten.

Der Fuchs spielt in der japanischen Mythologie eine besondere Rolle. Er gilt nicht nur als Bote Inari, der Kami (Shinto-Gottheit) der Fruchtbarkeit, des Reis und der Füchse. Er taucht auch in verschiedenen Legenden und Fabeln auf. Eine Geschichte aus dem 12. Jahrhundert berichtet von Tamamo no Mae, der Lieblingskonkubine des ehemaligen Tennō (Kaiser) Toba, die in Wahrheit ein böser Fuchsgeist war. Als der Tennō unter dem Einfluss der Füchsin erkrankte, wurde Tamamo no Mae von einem Seher enttarnt und in einen Stein verbannt.

Überhaupt taucht Kitsune in unseren Legenden oft gestaltwandelnd als menschliche Frau auf – mal als die liebende und aufopfernde, mal als zerstörerische Verräterin.

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