Kapitel 4 – 御暇 (Oitoma) – Abschied

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13. Mai 1919

Ich habe in der letzten Nacht vor Aufregung kaum geschlafen. Habe ich alles eingepackt? Reisepass? Visum? Bargeld? Ein bisschen nervös bin ich schon. Ich bin zwar viel herum gekommen, aber jenseits der Grenzen des Pazifiks hatte es mich bislang noch nicht verschlagen.

Seit Maikurofuto mir vor vier Tagen das Angebot gemacht hatte, ihn nach England zu begleiten, spüre ich wieder etwas, dass ich schon einige Jahre nicht mehr empfunden habe. Die Aussicht, der Eintönigkeit meines Alltags zu entkommen weckt in mir eine euphorische Lebensfreude. Das ist Abenteuerlust, denke ich.

Im Hafen von Mito wartet eine stolze Segelyacht auf uns – die Almina. Ich habe noch nie ein so schönes Schiff gesehen. Auf den ersten Blick erkenne ich – sie hat etwas Besonderes, etwas Nostalgisches, eine unvergängliche Grazie und Standhaftigkeit.

Wir laufen aus und nehmen Kurs Richtung Süden. Japans Küste entfernt sich. Majestätisch und zeitlos wie eh und je thront Fujisan ins goldene Licht der Mittagssonne getaucht über der Insel. Fast vier Jahre ist es her, dass ich Japan aus dieser Perspektive gesehen habe. Doch dieses Mal ist es anders.

Ich stehe an Bug des Schiffes und lausche dem Plätschern der Wellen an den Planken. Der Geruch der See – er hat mir gefehlt. Der Ort und die Zeit scheint perfekt für eine Meditation. Ich lasse mich vom Klang der Wellen führen und versinke in eine tiefe Trance. Wir sind bereits auf dem offenen Meer, als ich daraus erwache.

Maikurofuto kommt zu mir und reicht mir ein Glas Gin. „Cheers“, sagt er, „auf eine gute Reise.“ „Kampai“, erwidere ich, „auf das Leben.“ Die Küste Koreas entschwindet langsam unserem Sichtfeld. Unsere Reise wird – je nach Wind – vier bis sechs Wochen dauern, kalkuliert der Senchō.


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